Säkulare Religiosität.
Säkularer Christ.
Ich bin ein säkularer Christ. Als Bundesbürger und beruflich als evangelisch-lutherischer Theologe.
Unter säkular verstehe ich,
a)
Dass ich mich nicht  anbetend aus tiefstem Herzen einer Gottheit unterwerfe, sondern über Gott und
die Religiosität des Menschen nachdenke.
b)
dass ich keiner Autorität unterstehe, der ich mich - komme, was wolle - anvertraue oder der ich gar blind zu
gehorchen habe.
c)
Es gibt für mich keine (über-)natürliche Autorität, der gegenüber ein Mensch verantwortlich ist. Ich habe aber
Respekt, ich nehme Rücksicht auf die Gegebenheiten. Das ist der Spielraum meiner Existenz.
d)
Es gibt für mich keine höhere Macht. Es gibt im Alltag  nur eine fast nicht berechenbare Koinzidenz, ein
Zusammentreffen von Bewegungslinien selbstbestimmter Kräfte, die ich als Schicksal beschreibe. Subjektiv
bewertet: Glück oder Pech.
I.
Als soziales Wesen werde ich mit Ordnungen und Weltanschauungen verschiedenster Art
konfrontiert. Welcher ich mich anschließe oder welcher ich mich widersetze, kann ich persönlich
entscheiden. So eine persönliche Entscheidung ist für einen Menschen korrigierbar.
Bekenntnisse, Mitgliedschaften, Zustimmungen können zwar auch erzwungen werden oder blind befolgt
werden.  Menschenwürdig ist es, sie zu reflektieren und sie persönlich mit zu gestalten und zu verantworten. 
Ich habe das Glück, Bürger der Bundesrepublik Deutschland zu sein. Die Verfassung der BRD spricht mir das
Recht auf Religionsfreiheit zu. Das Recht ist mir zugleich eine Pflicht: Mich für eine Religion zu entscheiden
oder auf jegliche Religion zu verzichten – Ein Leben ohne zu glauben halte ich aus anthropologischer Sicht für
nicht  praktikabel.
II.
Beruflich musste ich das Abitur machen und ein Universitätsstudium ablegen. Beides zusammen
beinhaltete eine zeitgemäße naturwissenschaftliche Schulbildung und ein
geisteswissenschaftliches Studium: Evangelische Theologie.
Dass ich am 29. Februar 1938 in Danzig, im Vorstädtischen Graben 2 getauft wurde, war eine Vorentscheidung
meiner Eltern und eine Chance, mich religiös zu orientieren.
Die Taufe war eine Selbstverpflichtung meiner Eltern. Bei meiner Konfirmation am 22. März 1953  in der
Johanneskirche in Weinheim an der Bergstraße gesellte ich mich brav und ohne viel Verstand zur Baden-
Württembergische reformierte Kirche.
Eine Konfirmation ist für mich kein einmaliger Akt. Das Alltagsleben erfordert ständig neue Entscheidungen. In
ihnen entwickelt sich  und reift der religiöse Glauben eines Menschen. Und das geschah bei mir sehr intensiv
während meines Studiums, aber auch immer wieder aufs Neue im Beruf und währt fort bis in meine heutigen
Tage als Pensionär.
Ich hatte immer die Freiheit, mich von meinem christlichen Glauben loszusagen, was einem Moslem verboten
zu sein scheint.
Mein lutherisches Bekenntnis gibt mir auch die Freiheit,  meinen christlichen Glauben selbst  zu verantworten.
Im Gegensatz zu einem römisch – katholisch  Gläubigen darf ich als evangelisch-lutherischer Christ mich
darauf berufen,  im Stande des allgemeinen Priestertums zu sein. Ich unterstehe nicht einer menschlichen
Autorität in Glaubensfragen, wie z.B. dem Papst. Ich muss meine Glauben persönlich verantworten. Die
Bekenntnisschriften meiner Landeskirche sind für mich zwar Richtschnur, unterliegen aber der zeitbedingten
Interpretation. Am Ende gilt auch für mich: „SOLUS CHRISTUS“, eine Formel, die in sich relativ ist. Denn
meine akademische Ausbildung beruhte auf der Einübung der Nutzung meines Verstandes, sachlich wie
logisch. Ich muss nicht die Bibel im Originaltext - wie ein Imam den Koran arabisch -  auswendig lernen und in
meiner Landessprache erklären, sondern ich habe gelernt, die Bibel historisch zu übersetzen,  kritisch zu
hinterfragen und zeitgemäß auszulegen.
So ringe ich um einen Glauben, der vernünftig und zeitgemäß ist.
-.-
a)
Die Säkularisation des christlichen Glaubens begann schon damit, dass Theologen „über“ Gott
nachdachten und diskutierten. Die  gefundene Definition unseres Glauben im den
Glaubensbekenntnissen, erhebt den unausgesprochenen Anspruch, Gott zu kennen. Damit ist eine
Heiligkeit aufgegeben worden, die die Juden darin ausdrücken, dass sie sich nicht einmal trauen,
seinen Namen auszusprechen. Der fromme Jude  erforscht die Gebote und die Gesetze  dessen, der
ihnen „Heilig“ ist.  „GOTT“ steht bei ihnen darum nicht zur Diskussion.
b)
Unsere Theologen fragen – historisch-kritisch – nach den Wandel der Gottesvorstellungen in Raum und
Zeit der biblischen Schriften.
c)
Wir schütteln den Kopf darüber, dass Muslime den Koran in der arabischen Schriftform als heilige und nicht zu
hinterfragende Offenbarung Allahs durch einen Engel an Mohammed sei. 
d)
Götter gibt es weltweit. Wer das realisiert, kommt nicht darum, zu erkennen, dass es „Hirngespinste“ sind.
Unsere Aufgabe ist es, das ,was uns von anderen Lebewesen unterscheidet - unser Gehirn -  in seinen
Funktionen und Tätigkeiten in den Griff zu bekommen.
Säkulares Leben.
Über Volks und Religionsgrenzen hinweg hat das Fernsehen nach dem Radio die Funktion eines
Botschaftsträgers übernommen. Heilige Schriften sind darin bestenfalls ein Objekt.  Kommunikation  inklusive
Beichte läuft immer weniger über Briefe dafür immer banaler über das Handy.  Die Versorgung mit den
Gütern des Alltags löst die Logistik mit Hilfe von Technik, Material und Energie.
Es gibt keine Tabus, nichts ist heilig.
Naturwissenschaften befragen ihre Forschungsobjekte, nicht aber ihre Gottheiten.
Die Forschung kennt keine Grenzen, im Gegenteil, gerade das, was wir nicht wissen,  ist  Objekt unserer
Forschung.  Mit neuen Erkenntnissen kann man sich  einen Namen machen. 
Die Medien bieten eine Basis - möglichst als erster und exklusiv,  bisher noch nicht Dagewesenes in alle Welt
hinaus zu posaunen. Unglücke, ganz gleich ob von Menschen verursacht oder von der Natur, werden
berichtet. Wo öffentliche Medien in Bezug auf Leichen oder Leichenteile Bildmaterial zurückhalten, brüsten
sich gerade mit diesen Bildern Soldaten und Terroristen. Szenen des sexuellen Missbrauchs wie auch von 
ausschweifenden Partys werden privat ins Netz gestellt.
„Ohne Moos nichts los!“ Virtuelles Geld hält uns in Atem. Tag und Nacht wird es bewegt. Börsennachrichten
umkreisen wie eine Flutwelle den Globus. Generiert wird das Kapital überwiegend mit Produkten großer
Industrieanlagen und im Handel. Globale Zeichen ihrer Macht sind die gläsernen Giganten der Firmen und
Banken. Neben ihnen verkümmern die Gotteshäuser, in denen an Sonn- und Feiertagen in einer kurzen
Öffnungszeit ein Segen gesprochen wird, an dem den Vorfahren alles gelegen war. Kirchen und Tempel sind
Kulturdenkmale, die hier oder dort wenigstens noch touristische Attraktionen sind. Touristen sehen auf ihren
Auslandreisen religiöse Bräuche als Kuriositäten des Urlaubortes an. Die „Religiosität“ mag beeindrucken,
wird aber nicht ernst genommen. Man behält seinen „Glauben“ für sich und empfindet keinen
missionarischen Impuls. 
Die meisten Europäer stehen nicht mehr vor Gott, dafür suchen sie ihren Selenfrieden in der Selbstdarstellung
und Selbstwahrnehmung im Internet und /oder bei Facebook. 
Die Rahmenbedingungen des öffentlichen Lebens geben Politik und Staatsformen vor. Dass dabei alte
Traditionen bis hin zu fundamentalistische Religionen instrumentalisiert werden, sind eher ein Beweis gegen
die Existenz einer allwaltenden Gottheit.
Die Politik nimmt für sich das Gewaltmonopol in Anspruch, sich zu rechtfertigen, sein Staatswesen zu sichern,
Kriege zu führen, Menschen zu richten (evtl. inklusive Todesstrafe). Um ihren eigenen Auftrag erfüllen zu
können,  lässt sich die Politik auf politische Schurken ein, nutzt oder schafft sich rechtsfreie Räume.
 Führende Geistliche verlassen sich nicht auf die Allmacht ihres Gottes. Festliche Gottesdienste, Wallfahrten,
rituelle Feste verwandeln das Erlebnis von Gemeinschaft  zu einer Glaubenserfahrung. Oder Geistliche stiften
Gläubige an, Selbstmordattentate zu begehen, um die beleidigte Ehre ihres Gottes  zu rächen. Sie
missbrauchen politisch die Abhängigkeit ihrer Schützlinge, ohne mit dem Eingreifen ihres Gottes zu rechnen.
Säkulare Religiosität.
Wenn das Leben des Menschen mit „glauben“ verbunden ist, ist er für mich religiös. Früher war der Alltag von
der lokalen Religion bestimmt. So war in den dreißiger Jahren in Stockelsdorf das geflügelte Wort des
Ortsgeistlichen, Pastor Vietig: „Gott sieht dich!“.
Diese Autorität „Gott“ ist den meisten verloren gegangen, in Bezug auf Neugier, Wissen, Handeln und
Geselligkeit.
Heute leben wir nach den Gesetzen des Staates und bedienen uns vertrauensvoll naturwissenschaftlicher
Erkenntnisse. Die realisieren sich im Alltag in der Technik, in der der Nahrungsmittelproduktion und in der
Medizin.
-.-
Neugier:  Es gab Tabus. „Das ist Gottes Geheimnis“. „Das darfst Du nicht wissen“. „Das geht Dich nichts an –
Dazu bist Du noch zu klein!“. Aber auch:  „Das will ich nicht wissen“. „Das konnte ich nicht wissen.“    - Heute
ist alles zugänglich, oft mehr als einem lieb ist oder als dass man es erfassen kann.
„Gläubige“  machen es sich einfach. Sie berufen sich in Glaubensdingen  auf die Bibel.  Gutgläubige geben sich
in ihrer Neugier mit dem zu Frieden, was sie gehört haben.  Manch einer hat Gewährsmänner. Andere
verlassen sich auf „Fachleute“.  Wer sich kritisch mit Nachrichten aus Wissenschaft, Kultur und Politik
auseinandersetzt, stößt auf subjektiv gefärbte ja gefilterte Berichte. Probleme werden an Schreibtischen,
Laboratorien oder in Gesprächen bearbeitet. Gewonnene Erkenntnisse sind Arbeitshypothesen oder
Theorien, an die wir glauben. Sie gilt es in die Praxis um zu setzen, an den Ergebnissen zu überprüfen und
entsprechend zu korrigieren.
Glauben ist: Nicht wissen. Das ist die Wahrheit unseres Alltags. Nicht: Die Inhalte des Glaubens sind fest zu
haltende Wahrheiten.
Säkulare Frömmigkeit.
Der menschliche Alltag wird neben der Intelligenz und der Technik alles entscheidend von Emotionen
bestimmt.
Ob man Optimist oder Pessimist ist, resigniert, müde oder voller Power, von Träumen der Nacht gefangen
oder von Ideen angetrieben, das was da auf uns zukommt, ist  offen, soweit der Tag oder gar das Leben nicht
routiniert abläuft.
Für die Offenheit wird meist eine Höhere Macht postuliert. Was einem zustößt oder gelingt, ist Zufall und wird
als Pech oder Glück bewertet. Manche sprechen auch von Schicksal.  Nur noch wenige Europäer sehen sich
als Empfänger von Gaben eines Gottes begnadet oder sich den Versuchungen einer überirdischen Macht
ausgesetzt.
Hilfsmittel der persönlichen Einflussnahme auf das Leben ist die Verkleidung.  Nackt mag sich keiner dem
Leben stellen.
Die Diener ihrer Gottheiten bzw. Idole erscheinen in festlichen bis absurden Gewändern und  ihre Auftritte
werden feierlich inszeniert. (Gottesdienste, Inthronisationen, Popkonzerte) Würdevoll treten Staatsmänner
auf. (Staatsempfänge, Paraden, Umzüge). Chefs und Vorgesetzte haben eine Sekretärin.
Der eigenen Sicherheit, Entspannung oder Erbauung dienen Musik, Kunst und ein persönliches Umfeld. Feste
und Feierlichkeiten verschönen den Alltag.
Wer  über sich und seine Fähigkeiten hinauswachsen will, betreibt Sport, raucht oder trinkt z.B. Kaffee oder
Alkohol. Tanzen ist eine Entführung in eine andere Welt. Drogen verwirren die Sinne und vermitteln geistige
Abenteuer. 
Es gibt kaum noch einen Haushalt in Europa, in dem nicht der Fernseher den Hausaltar ersetzt, um den sich
die „Familie“ versammelt. Die Nachrichten offenbaren uns die Wirklichkeit: „Die Hölle, das sind wir“. Die
Dauerserien wie Traumschiff und Rosamunde Pilcher  nehmen uns mit in eine andere Welt. Wem das nicht
gefällt, geht in das eigene Zimmer, wo ein weiterer Fernseher die Programm-Wahlfreiheit bietet, sich seinen
eigenen „Titanen“ hinzugeben.
Wer mit dem Alltag nicht zu Rande kommt, sucht seine Befriedigung außerhalb der   Gesellschaft: In der
Kriminalität.
Verlierer der Gesellschaft sehen sich als Opfer der Zeitläufte. Andere steigern sich in einen religiösen Wahn.
Sie verstehen sich als Botschafter eines unbekannten oder beleidigten Gottes. Ihre emotionale Hilflosigkeit
projizieren sie  als Vertreter des Allmächtigen und Allwissenden reziprok auf „Ihre Gottheit“. Sie  fühlen sich
zu dessen Stellvertreter berufen und agieren mit Wort und Schwert.
(11.5.2012)
Säkulare Psyche
Die säkulare Psyche ist gespalten. Angesichts konkurrierender Religionen in ihrem Wahrheitsanspruch, ist
Religion ist eine reine Privatsache.
Der Grund liegt in der biologischen Natur unseres menschlichen Gehirns. Sein Potential ist chaotisch.  Es lässt
sich aber strukturieren und modellieren.
Ein Problem stellen somit die nicht im Gleichtakt funktionierenden Gehirne  der Weltbevölkerung dar. Ich
kenne eine Frau, die an der Kasse eines Supermarktes schon das Geld auf den Pfennig bereit hält, ehe die
Verkäuferin alle Waren am Scanner  vorbeigeschoben hat. Ich selbst erlebe jede Nacht Träume, die jeglicher
Rationalität entbehren.
Wir wünschen uns Geniale Menschen, seien es Wissenschaftler, Lehrer, Techniker oder Politiker.  Wie
glaubwürdig ist aber ein Politiker, der sich darauf beruft, einen Auftrag von einem Gott oder direkt von
Christus empfangen zu haben? Hitler berief sich auf die „Vorsehung“! ……….
“Not lehrt beten!” – Ja, wenn wir am Ende unseres Lateins sind. Aber erst verlassen wir uns auf uns selbst.
Dann auf Familie oder Freunde. Dann gehen wir zum Arzt oder wenden uns an Gerichte, Verwaltungen,
Politiker oder an die Presse.
Wer mit der ausgleichenden Gerechtigkeit eines allmächtigen Gottes rechnet, muss auf ein Leben nach dem
Tode warten. 
SS.:
Der Mensch ist der Designer unter den Naturkräften. Er muss aber auch lernen sich selbst  zu beherrschen.
Dabei muss er human und sozial bleiben sowohl gegenüber seinen Mitmenschen, als auch im Umgang mit
der  der Natur..
(H-E.S.13.05.2012) 
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