58
Nordkirche
Der  Festakt für die Öffentlichkeit ist vollzogen, begleitet von vielen Ideen, Events, die die
Besucher unterhalten. Wenn alle Linden mitgenommen bzw. verteilt  und eingepflanzt  sind,
wird es in den Gemeinden eine relative Aufmerksamkeit geben. Relativ, weil es an den
Ortsgeistlichen liegt, was sie sich zu dieser Aktion einfallen liessen. Was sich von den
Versprechungen, Wünschen und Gebeten erfüllen wird, wird weder Gott oder der Heilige Geist
zu verantworten haben, sondern  die einzelnen Gemeinden vor Ort.
Ein Kritikpunkt ist wohl ernst zu nehmen: Es ist eine Vereinigung von OBEN. Nicht spirituell
begründet, sondern rein praktisch: Es kommt aus der Verwaltung, der verantwortlichen
Organisation der ehemaligen drei Landeskirchen. Es geht um den Ausgleich von finanziellen
Mitteln und um die Angleichung von strukturellen Formen. Das ist auch vernünftig. Ein
emotionales Zusammenkommen von Gläubigen wird es nicht sein. Dafür wird es wohl wieder
Projektgruppen geben, die Leben in die Gemeinden bringen sollen. Solche Aktionen hat
Hamburg schon bestritten. Von den Ergebnissen habe ich aber nichts gehört. Auch das
Münchner Programm einer Marketinggesellschaft sollte ein Wegweiser werden.  Wer das Ziel
erreichte, hat die Presse nicht berichtet.
Auch Kirchentage sind erfrischende Ereignisse, lassen sich aber selten in Kirchengemeinden
umsetzen. Problematisch  waren die Erfahrungen  des gerade in Mannheim  abgehaltenen
Katholikentages mit „denen da OBEN“!
    Ich schaue zurück auf Stockelsdorf.
Als „die Grenze“ sich geöffnet hatte, lud der Selmsdorfer Pastor zum Weihnachtsgottesdienst in
seine  renovierungsbedürftige Kirche ein. Wessis füllten die Kirche. Mittlerweile wird sowohl
die Neugier wie auch die Vereinigungsbegeisterung verflogen sein. Einen vergleichenden
Kontrollbesuch habe auch ich leider nicht gemacht.
Die „alten“ Landeskirchen sollen nun zusammenkommen, zusammen wachsen. Aber wie?
Sprengelkonvent, Pfarrkonvent und Pastorentage kann ich mir vorstellen. Ich war bei diesen
Pflichtveranstaltungen. Wer nicht gerade alte Bekannte suchte und sich mit ihnen traf, konnte 
in Arbeitsgruppen flüchtige Bekanntschaften machen oder gab sich mit den angebotenen
Themen zu Frieden.
Begegnungen von Gemeinde zu Gemeinde?
Meine Stockelsdorfer Beobachtung: Auch hier wurden vor Kurzem zwei selbstständige
Kirchengemeinden zusammen gelegt. Die hatten zwar eine Gemeinsame Kirche und waren in
einem „Kirchengemeindeverband“ verbunden, aber die Allgemeinheit verstand es nicht. Nur
die Insider. Nun sind wir vereint. Jedoch die alten Differenzen und Rivalitäten sind trotz der
guten Zusammenarbeit der Pastoren nicht in Spiritualität und neuen Aktivitäten aufgelöst
worden.
Und was erwarten wir nun von der Nordkirche?  Das wäre doch was! Patenschaften!
Gegenseitige Besuche! Predigeraustausch!   
Als damals (1989) die Grenze aufging, hat ein ehemaliger politischer Flüchtling, Frau Sinner, die
Verbindung von Stockelsdorf nach Rostock hergestellt. Es gab sogar einen Gemeindeausflug
dort hin. Der war organisatorisch eine Herausforderung: Unsere Gemeinde kam mir so vielen
Teilnehmern, dass die die Räumlichkeiten  der Gastgeber nicht ausreichten. Wir waren in der
Überzahl und um mit den Gastgebern in private Gespräche zu kommen, war die Besuchszeit zu
kurz. Doch die  gefallene Mauer eröffnete uns für unsere Gemeindeausflüge neue Ziele. Als
Touristen lernten wir Landschaft, Orte und die neu eingeführte westliche Gastronomie kennen. 
Begegnungen von Gläubigen mit Gläubigen war da nicht mehr das Ziel.
Zwischenzeitlich hat sich auch in unserer Gemeinde viel verändert. Der kostenlose
Gemeindenachmittag wird nur noch von ca. 10 Personen besucht. Einige stören sich daran,
dass dieses Angebot mit Vaterunser und Reisesegen abgeschlossen wird. Eine Bibelstunde gibt
es nicht. Wohl aber einen Männerbibelgesprächskreis, der zwar christlich orientiert ist, sich
aber mehr mit aktuellen sozialen und politischen Themen beschäftigt. Der Frauenkreis ist
weiterhin beliebt, der Kirchenchor ist gealtert, die Gottesdienste brav. Eine Patenschaft mit
Tansania ist beendet worden, weil auf der Gegenseite sich ein sehr selbstständiges Leben
entwickelt hat. Das Angebot an Seniorenveranstaltungen und öffentlichen Festen neben den
kirchlichen Angeboten hat sich vermehrt und hat guten Zulauf.        
Mich würde es reizen, mit meinem pommerschen Pastor ins Gespräch zu kommen: Was
glauben die, die nicht glauben und wie leben die anders, als die, die noch glauben. Wer könnte
da noch was von wem lernen?
Lebendige Kerngemeinden, die eine Botschaft leben und den Dialog suchen, um auch von
anderen etwas zu lernen, sie können auf der Basis Leben in die „Nordkirche“ bringen. Inseln
bilden, die Leuchttürme haben, um denen, die Segel gesetzt haben, Orientierung zu bieten.
Welcher Geist eint? Fußballweltmeisterschaft! Borris und Steffi nicht mehr.  
Wir sind ein Volk mit vielen Konfessionen, mehreren Religionen, wenigen Aktivisten, manchem
Individualisten und  einer großen Freizeitgesellschaft.
Uns spalten die unterschiedlichen Löhne, die Zustände in der Infrastruktur, eventuell Sarrazin,
die Piraten und die Frage, ob am Karfreitag getanzt werden darf.                      
Ratio – Nihilismus – Empathie. Sie polarisieren.
(H-E.S.28.05.2012)