Waldmichelbach. Postkarte vom Gymnasium Waldmichelbach Waldmichelbach. Es hat ein während des Krieges von Mannheim ausgesiedeltes Gymnasium. Waldmichelbach ist ein im Odenwald abgelegener hessischer Ort. Hier landeten viele Weinheimer Gymnasiasten und Schüler anderer Gymnasien aus den Großstädten, weil sie mit ihrer Schule nicht zurande kamen. Das angeschlossene Internat aber auch private Unterkünfte erleichterten den Schulwechsel. Es war und blieb eine improvisierte Ausweichschule, die manchen zum Abitur führte und über das Studium erfolgreiche Karrieren eröffnete. Bot das Baden-Württembergische Weinheimer Realgymnasium mit einem neuen Anbau moderne Chemie- und Physik- Unterrichtsräume, so kam in Waldmichelbach Dr. Gottwald mit einem Tablett  mit den notwendigen technischen Geräten zur Physikstunde in das Klassenzimmer. An einen Chemiesaal kann ich mich auch nicht erinnern. Unsere Lehrer waren: Dr. Münch, der Direktor, der uns Kunstunterricht gab, Dr. Gottwald: Mathe und Physik. Frau Dr. Wien: Deutsch und Religion. Dr. Steiner: Latein (Landtagsabgeordneter der CDU). Paul Dorminger (Französisch und Musik?).Ernst Kleinschmidt (Chemie). Johannes Neßler (Englisch).Hans Wiegand (Erdkunde). Mein Start in Waldmichelbach war in der Woche vor Fastnacht Dienstag. Ich wurde neben den Karl Schmidt  gesetzt. Der war seh kurzsichtig und so fast blind. Ich löste Wolfgang Dörmer  als Betreuer von Carlo ab, der seit der ersten Klasse neben Carlo saß. Soweit ich mich erinnere, verließ er die Klasse nach der Unterprima. Da er aber in der Abiturzeitung geführt wird, kann das nicht sein. Vielleicht rückte er auch –endlich befreit – gerne von Carlo und mir ab. Am Fastnacht Dienstag war Wandertag angesagt. Ich hielt mich an „Karlo“. Der war es gewohnt immer am Arm mitgeschleift zu werden. Ich fand das doof. Ich faste ihn zart an der Hand und bald hatten wir uns miteinander eingespielt. Über Händedruck oder spezielle Bewegungen konnte er sicher neben mir herlaufen, ohne dass es für Außenstehende auffällig wurde. Er war klug und diskussionsfreudig, humorvoll. Und so hatten wir uns allerlei zu erzählen und zu diskutieren. Da ich neu in der Klasse war, blieb es nicht aus, dass der eine oder der andere sich uns mehr oder weniger lang anschloss. Die wollte mich eben auch kennen lernen. So mancher fragte mich auch, wie es mir im Waldmichelbacher Gymnasium gefiel. So auch Peter Schmuck. Der war mit Dr. Steiner, dem Lateinlehrer, in engerem Kontakt. Offenbar berichtete er jedenfalls dem Lehrer, was ich in Bezug auf den Lateinunterricht erzählt habe, nämlich, dass wir in Weinheim schon viel weiter wären. Das veranlasste Dr. Steiner, mich in der nächsten Lateinstunde als Ersten ran zu nehmen. Ich sollte übersetzen, was wir zu präparieren hatten. Das ging flüssig und ohne Fehler. So ließ er mich weiter übersetzen. Das lief ohne Einwände. Kurz bevor die Stunde sich dem Ende näherte, testete er meine grammatikalischen Kenntnisse. Dann sollte ich von einem Verb das Gerundium bilden. „Falsch!“. Dann von einem anderen Verb das Gerundivum. „Falsch“. Das ging so eine ganze Weile, bis die Stunde zu Ende war und er mich aufforderte, Grammatik zu lernen. – Was war passiert? Ich hatte „Gerundium“ und „Gerundivum“ ständig verwechselt. Darauf ritt er rum und statt mich auf die Verwechslung aufmerksam zu machen, trieb er mich in die Wüste. Er war eben sehr ehrgeizig. Das änderte aber nichts daran, dass die Klasse noch viele Unterrichtsstunden brauchte, bis sie zu der Stelle kam, die ich in einer Stunde übersetzt hatte. Er war eben ehrgeizig und streng. Bei Klassenarbeiten, passte er auf, dass keiner abschrieb. Hatte er aber die Aufsicht während einer Mathe- Klassenarbeit, dann verschanzte er sich hinter einer Tageszeitung und ließ uns freie Bahn. Dr. Gottwald  war ein Onkel von Karlo (Schmidt) Im Dritten Reich Dozent an der Ingenieurschule in Darmstadt. Ein fröhlicher Mathematiker und Physiklehrer, der uns auch mit Humor den Unterricht gefällig machte. Auf den Klassentreffen war er bis zu seinem Tod immer ein unterhaltsamer und gern gesehener Gast. Dr. Gottwald mit seinen Schülern Fräulein Dr. Wien „Fräulein“ Dr. Wien Machte uns mit moderner Literatur bekannt. Sehr engagiert und einfühlsam. Wenn Bernd Fischer und Gudrun sie imitieren wollten, fassten sie sich zärtlich an und Munkel /Bernd Fischer sagte „Klopstock“. Und alles lachte. Mich lud Frau Dr. Wien für einen Nachmittag zu sich zum Kaffe in Ihr Häuschen ein. Ein Holzhaus abgelegen im Grünen, geschmackvoll eingerichtet. Sie mochte mich. Jedoch ich enttäuschte sie. Meine Leistungen in Deutsch waren schwach, sodass sie drohte, mir in der Vorzensur eine SECHS zu geben. Und öffentlich bedauerte sie es, mir in Religion keine EINS geben zu können, wo ich doch Theologie studieren wolle. „Eberhard, sie widersprechen mir so viel!“ Ich war darum froh. Mit einer EINS in Religion Theologie zu studieren, hätte mich beschämt. An dieser Stelle will ich auf Bernd Fischer eingehen. Aus welchen Gründen auch immer, ging er nach Waldmichelbach. Ich folgte ihm später, als er  schon da voll integriert war. Aber als Fahrschüler hatten wir bald dasselbe Verkehrsmittel, den Zug nach Mörlenbach und von da den Bus nach Waldmichelbach. - Nicht von Anfang an, denn ich fuhr zunächst ab Hexenturm mit dem direkten Bus nach Waldmichelbach. – Hierher gehört auch eine für meine Person bezeichnende Erinnerung. Morgens, wenn ich vor 7 Uhr zur Bushaltestelle am Hexenturm im Gorxheimer Tal ging, war es da immer sehr kühl. Also trug ich „meinen“ Pullover. Den zog ich in der Schule aber nicht aus. Eines Sommertages war es aber sehr heiß und die Klasse hoffte auf „Hitzefrei“, was aber nicht ausgesprochen wurde. Da bekam ich dafür die Schuld, weil ich noch immer meinen Pullover anhatte. Lieber zu heiß als zu kalt, war meine Devise. Im Zug lernte ich dann auch die Klassenkameradin „Bammel“ Hannelore Frey näher kennen, aber warm wurden wir miteinander nicht. Später kamen auch Günther Heck, Wolfgang Schiele und Hermann Schütz.  dazu. Wir waren am Ende eine feste Fahrgemeinschaft, die wir im Viererabteil zusammen Skat spielten. Das war nicht mein Ding, aber wenn Bernd und ich uns einander gegenüber am Fenster saßen, schauten wir uns gegenseitig in die Karten, es sei wir spielten gerade eine Partie gegeneinander. Das hatte einen gewissen Reiz von Vertrauen und Kumpanei, die uns miteinander verband. Aber wir waren sehr gegensätzlich. Ich lebte geborgen und vertraut in meiner Familie, Bernd dagegen war sehr auf sich selbst gestellt. Sein älterer Bruder studierte schon und er fand wohl nicht die väterliche Aufmerksamkeit seines Stiefvaters, ein Dentist. Seine Mutter habe ich nur einmal gesehen. Sie wirkte fremd. Bernd liebte die Wochenenden. Da war er mit anderen Weinheimern auf Tour, ich weiß nicht mit wem. Jedenfalls war oft Besäufnis angesagt. Als ich ihn einmal besuchte und er ärger hatte, machte er die Tür seines Kleiderschrankes auf und schrie „Scheiße“ hinein und schloss danach wieder die Tür. Er erklärte, das sei bei ihm seine Art, sich ab zu reagieren. Gudrun Schmidt deklamiert aus der Abi-Zeitung In der Waldmichelbacher Klasse gehörte er zu den „Herren“ die sich herabließen, auch mal etwas für die Schule zu tun, wenn es auf die Versetzung zuging. Gudrun Schmidt lieferte dann zu. Bei Klassenarbeiten wurde ein von ihr beschriebener Zettel über den Gang in die mittlere Reihe und zwei Tische weiter gereicht. Nach Bernd bekamen andere Genossen auch den Zettel, wenn es dann noch zeitlich zum Abschreiben reichte. Da wurde viel „geschwitzt“. In den normalen Stunden, schrieben wir mit, was die Lehrer uns lehren wollten. Aber das machte u.a. „Munkel“ (Bernd) nur lückenhaft.  Wurde in einer der folgenden Stunden sein Wissen abgefragt, wanderte Gudruns Heft zum Hintermann von Bernd und er bekam so „Rückendeckung“. Ich war zu brav, ich schrieb immer fleißig mit und repetierte zu Hause das, was ich als Vortrag mitbekommen hatte. Es fiel bald auf, dass ich gründlich mitschrieb, und so wanderte denn mein Heft auch zu dem einen oder anderen Mitschüler. Das bescherte mir dann wohl auch eine gewisse Akzeptanz bei den „Herren der Schöpfung“, wie ein Lehrer diese Kameraden mal titulierte. Die Internatsschüler Michael Freiwald und    Gosticher waren besonders leger-Sie kamen meist nur mit einem Schreibheft in den Unterricht, oft verspätet und hatten entweder keine Hausaufgaben gemacht oder sie vorher schnell abgeschrieben. – Alle drei sind aber später in ihrem Beruf sehr erfolgreich gewesen. Schule, Intelligenz und Beruf sind wohl dreierlei. Auf einer Klassenfahrt nach Pottenstein (?) waren wir wie auch bei anderen Schulfahrten in einer Jugendherberge. Da war um 22 Uhr Zapfenstreich: Die Lehrer bangten, ob auch alle rechtzeitig ins Haus kamen, denn sonst gab es Ärger mit dem Herbergsvater. Ungeschickt von den Lehrern, dass sie uns nach dem Abendbrot frei gaben. Da wurde dann von vielen eine Kneipe aufgesucht. So kam auch eines Abends Bernd mit einigen Gefährten auf den letzten Drücker ins Haus. Dr. Gottwald war böse, konnte aber nichts an deren Zustand ändern und sie lagen rechtzeitig um 22 Uhr, mit Kleidern, selten mit Nachtzeug im Bett. Das Licht ging aus. Eines Abends, Bernd stand wieder auf. Dr, Gottwald schimpfte: „Fischer, was stehen sie jetzt schon wieder auf?“ Bernd: „Man wird doch mal brunsen gehen dürfen!“ –ein schlagendes Argument. Ich brach mir im Januar bei einem Schlittenunfall das rechte Bein. Die Klasse meldete sich zum Abitur. Ich auch, obwohl ich im Krankenhaus lag. Nur Bernd wollte nicht. Er besprach sich mit meiner Mutter. Er habe immer erst auf den letzten Drücker nach Weihnachten für die Versetzung gelernt und das würde nun nicht mehr hinhauen. Meine Mutter redete auf ihn ein, sprach mit Rektor Münch und der mit Bernd. Am Ende meldete er sich auch zur Abiturprüfung an. Und siehe da, ich glaube alle schafften das Abitur im Februar. Ich aber lag im Krankenhaus in Heidelberg. Eine Fistel an der Operationswunde hielt mich dort fest. Aber die Schule war außerordentlich entgegenkommend. Vom Kultusministerium gab es die Genehmigung, dass ich das Abitur alleine nachholen durfte. Abi-Ball Als ich aus dem Krankenhaus entlassen war, wohnte ich mit Gipsbein bei „Karlo“ und die Lehrer kamen ins Haus und ließen mich in ihrer Gegenwart die schriftlichen Arbeiten schreiben. Eine Woche später fand das mündliche Abitur im Lehrerzimmer statt, in Anwesenheit mehrerer Lehrer. Ich bestand auch. Es war Muttis Geburtstag, der 21. März 1959. Was noch an Klassenkameraden erreichbar war, lud ich zu einer Feier in unser Stammcafe „Cafe Gottwald“. ein. ´Fast alle kamen. Das war schön. Aber der Druck und die Aufregung, die eine Klasse hat, wenn es auf eine Prüfung wie das Abitur zugeht, hatte ich nicht. Ich ging mehr oder weniger ängstlich wie ergeben in das Abitur. Am Ende träumte ich bis 1996  immer wieder davon, dass ich das Abitur nicht bestehe. Nur konnte ich jeweils im Traum immer noch reagieren: „Ich brauche euer Abitur nicht, ich bin schon Pastor!“. (Freundin von Willi) , Bernd Fischer, Willi Hering, Konrad Berg, Peter Eisenhauer, Peter  Kieltau, Heinz Bugler, Karl Schmidt, Susi (Kieltau), Hans-Eberhard Schulz. . Was mir auffällt: Die Rolle und den Platz, den Du in der Schule hattest, bleibt Dir erhalten wie auch in der Familie und an dem Ort, wo Du länger gelebt hast. Nur in einer neuen Gesellschaft oder Umgebung kannst Du eine neue Persönlichkeit entwickeln. 73