Meine Flucht
E.
Meine Kindheit und Jugend waren eine einzige Flucht unter dem Schatten des Kometen
„Nationalsozialismus“. Sie begann mit einem Aufenthalt bei meinen Großeltern in Königsberg, wohin mich ( 22
Monate alt )meine Eltern (am 27. Aug. 1939) hingebracht hatten. Dort sollte ich in Sicherheit sein, wenn der Krieg
um die Befreiung Danzigs beginnen würde. (1. Sept. 1939). Sie ahnten oder wussten wohl, was da kommt.
Die Flucht endete für mich mit dem Beginn  meines Theologiestudiums in Marburg. Jetzt fühlte ich mich frei, mir
meine Ersatzheimat zu suchen. Es war die Rückkehr nach Schleswig-Holstein, wo ich in Stockelsdorf meine neue
Heimat fand. 
Verloschen ist der „Komet“ in meinem Bewusstsein noch heute nicht.
 
Dokumente meiner Vergangenheit.
Ich habe in den Schränken meiner Mutter in Weinheim allerlei Schriftliches gefunden. Briefe und Reisepässe. Das
habe ich versucht zu sortieren und auszuwerten. In Erinnerung an all das Glück, das ich empfinde, im Hause meiner
Eltern in einer turbulenten und schweren Zeit behütet groß geworden zu sein, wollte ich als persönlichen Dank aller
derer gedenken, die diese Zeit meist mit mehr Schwierigkeiten durchstehen mussten. Es bewegt  mich immer noch,
diese alten Briefe zu lesen.
Am Anfang soll aber eine Geschichte stehen. Die Geschichte vom "Buch des alten Herren".
In den 70-ger Jahren war mein Vetter Wolfgang wohl als erster wieder in Jarischau, dem Geburtsort meines Vaters.
Als die dortigen Bewohner erfuhren, dass er ein Neffe von Benno Schulz sei, wurde er von Haus zu Haus
weitergereicht. Man hatte die Schulzens in guter Erinnerung. Wie meine Mutter erzählte, hatte in der Zeit des Dritten
Reiches Mein Onkel Benno auf einem Treffen der Bürgermeister in der Kreisstadt erfahren, dass in den nächsten
Tagen mehrere polnische Männer abgeholt werden sollten. Das hatte er seiner Frau Herta erzählt, die gleich im Dorf
von Familie zu Familie lief und alle warnte. Als kurz darauf die "Aktion" durchgeführt werden sollte, waren all diese
Personen nicht greifbar. Das haben die Polen nicht vergessen.
In einer der Familien, die Wolfgang nun besuchte, überraschte man ihn mit einem "Buch vom alten Herrn", das man
noch habe. Es war die Familienbibel von Otto Schulz, unserem Großvater, die Wolfgang mitnehmen durfte. Die hat
er mir angeboten. Bei meinem nächsten Besuch in Rostock - Lütten Klein nahm ich eine Lutherbibel mit, die ich
beim Grenzübertritt in das Verzeichnis über mitgeführte Gegenstände eintrug.. Bei Wolfgang tauschte ich die Bibeln
aus. Als Pastor muss ich ja schließlich auch eine Bibel bei mir haben, um meine Sonntagpredigt vorzubereiten. Aber
zum Glück wurde ich nicht kontrolliert und es gab so keine Diskussionen. Denn Gegenstände, die in der Zeit vor
1945 hergestellt wurden, durften nicht aus der DDR ausgeführt werden.
Trauma, Tabu und Alptraum.
Bin ich traumatisiert? Es ist ein Leichtes, mich an meine Kindheit und allerlei  Vergangenes zu erinnern. Leicht kann
man mich im Gespräch auf diese vielen Erinnerungen bringen. Sie bereicherten und sie bereichern heute noch mein
Leben. Sie bewegen mein Herz und meinen Geist. Aber weder belasten sie mich, noch habe ich das Bedürfnis, mich
von diesen Erinnerungen zu befreien. Es sind einfach lebendige Erinnerungen.  Vielleicht hat mich mein Vater  dazu
gebracht. Er erzählte gerne und viel. Auch hatten meine Eltern immer viel Besuch von unserer Verwandtschaft. Dann
wurde viel erzählt und politisiert.
Die von meiner Mutter aufbewahrten Briefe meiner Großeltern, väterlicher wie mütterlicher Seite, geben mir die
Anregung, mich mit der “Kriegszeit” und meinen eigenen Erinnerungen auseinander zu setzen. Dazu gehören auch
eine Postkarte meines Vaters an mich (01) und der mir wichtigste Brief: Der Brief meiner Mutter an ihre Freundin
Helga vom 24.2.44. (02)
Es rette sich, wer kann.
Unter den wachen und selbstkritischen Augen meiner Mutter erlebte ich die Zeit meiste mehr als ein  Abenteuer. Die
Geborgenheit, die ich bei ihr erfuhr, ließen mich die Gefahren sehen und erkennen. Zugleich stärkte sie in mir das
Bewusstsein, mich mutig dem Leben stellen zu können. Entscheidend war auch, dass unsere Eltern Hitler gegenüber 
ablehnend waren. Meine Mutter mochte schon nicht mal seine Stimme hören, wie sie es wiederholt sagte. Aber dass
Papa Parteimitglied war, hatte sie in den letzten Jahren vergessen.
In Marienwerder hatte sie miterlebt, wie Parteigenossen das dortige Gymnasium besucht haben. In einer öffentlichen
Ansprache, wurden die Schüler aufgefordert, nicht auf ihre Eltern zu hören, sondern dem “Führer” zu folgen. Da
freute sie sich, dass sowohl die Eltern, als auch Lehrer und die Schüler dagegen protestierten und die PGS beschämt
abzogen
Meine Eltern glaubten nicht an Hitlers Versprechen, mit einer Wunderwaffe noch einmal die Wende im Krieg herbei
zu führen. Die offiziellen Nachrichten durchschauten sie bald auf Grund der Berichte und Erzählungen der
Verwandten, die auf Heimaturlaub bei ihnen zu Besuch waren. Diese wurden bestätigt von Gerüchten, die bald
kursierten: Der Krieg ist verloren.
So machte sich meine Mutter mit uns drei Kindern zusammen mit ihrer Schwägerin Liselotte und den beiden Kindern
ihrer verstorbene Schwester auf die Reise nach Westen. ( Brief /02/ vom 24.2.45. ). Mein Vater musste als Obmann
der Lebensmittelversorgung für den Gau Danzig zurück bleiben. - Dafür war er schon vorher vom Kriegsdienst
freigestellt. - Meine Großmutter, die Omi Werner, wollte Ihren Mann nicht alleine lassen, denn er war nicht nur von
seiner Dienststelle her in Königsberg gebunden. Es wurden auch Männer gebraucht, die in und nach den
Bombennächten zu Hilfseisätzen eingesetzt wurden. (Siehe  Postkarte vom 15.2.45. ; Brief Kbg. 26.1.45 / Verhungert
in Königsberg. ) . In Eberhardsdorf (Jaroszewy, bei Schönberg)) standen die drei gepackten Fuhrwerke in der
Scheune. Die Erlaubnis oder der Befehl zur Ausreise kam am 24.2.45 zu spät. ( Siehe Brief vom 27.6.46. Vertreibung
aus Hinterpommern.) Sie wurden von den Russen eingeholt und mussten nach erlittenem Leid wieder zurück. ( Brief  
). Allgemeine Erfahrung war auch, dass politische Vorgesetzte, die darüber zu entscheiden hatten, wer wann die
Heimat verlassen durfte, sich meist erst selbst in Sicherheit brachten, ehe sie den eigen Volksgenossen die
Reiseerlaubnis erteilten. So erging es auch unserem Vater, dessen Vorgesetzter Dr. Hein die Danziger Kaufleute durch
die Sekretärin einen halben Tag vertrösten ließ. Erst als “Herr Dr. Hein” auf einem U-Boot seinen Absprung aus
Danzig gefunden hatte, durfte Sie dieses meinem Vater mitteilen. . Nun erst konnte mein Vater als Stellvertreter die
“Entlassungs” - Papiere für die Danziger Kaufleute unterschreiben. ( Briefe /03/ vom 12. Und /04/ 28. 3 1945 )
Selbiger Dr. Hein erschien aber nach seiner Flucht mit dem U-Boot bei uns in Stadthagen und erzählte unserer
Mutter, dass “Erich” auch unterwegs sei und in den nächsten Tagen kommen werde! Das war eine verlogene
Vertröstung.
Wir also sind “verreist”!  ( Brief /02/ vom 24.2.45. ) Meine Mutter mit uns drei Kindern, Hans-Eberhard ( 7 J. 2
Monate), Ursula (4 ½ J.) und Manfred ( 3 1/2 J. ). Dazu die Cousinen Ingrid ( 6 1/2 J. ) und Brigitte ( 4 ½ J. )
Blockus und unsere Tante Liselotte ( verw. Werner, geb. Wellershaus ). Da meine Mutter und Tante Lieselotte
nirgendwo dienstverpflichtet waren und es auch im Interesse des Regimes war, Kinder in Sicherheit zu bringen,
kamen wir aus Danzig gerade noch rechtzeitig raus. Es war fast noch keine Flucht.
 Von einer Traumatisierung berichtet Frau Wundram in Bezug auf ihre Tochter, der auf der Flucht ein Kind verstarb,
das sie nur mit bloßen Händen im Schnee verscharren konnte. ( Siehe Brief Ruppertsgrün, d. 26. 5. 48 Verhungert in
Königsberg.).
Was meine aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrten Onkel erlebt haben und in wie weit sie traumatisiert
waren, darüber habe ich leider nichts erfahren. Aber das weiß ich von Erzählungen von Gemeindegliedern. “Kinder”,
die erzählten, dass ihr Vater sogar fuchsteufelswild wurde, wenn sie ihre Väter nach Fronterlebnissen befragten.
Erzählt wurden nur Ausbildungs- und Kasernen- Erlebnisse.
An einen Kriegs- und Horroralptraum kann ich mich erinnern. Es war schon in Weinheim. Bei mir setzte die Pubertät
ein. Ich träumte, die Russen - russische Soldaten - sind in unsere Wohnung eingedrungen. Sie wollen meine Mutter
vergewaltigen. Ich stelle mich den Soldaten in den Weg. Daraufhin stellen sie mich vor die Alternative: entweder ich
mache mit meiner Mutter Sex oder sie.
 Da “opferte” ich mich. Beschämt und erschrocken wachte ich damals auf. Ein peinlicher Traum, den ich hier
erstmals wiedergebe.
 
Es ist Krieg.
Ich schaue aus dem rechten Wohnzimmerfenster unseres Hauses Vorstädtischer Graben 2 in den Hof hinunter. Zwei
oder drei Männer sind gekommen. Links unter einem Dach steht das Auto meines Vaters. Der Hansa. Er wird
abgeholt: Es ist Krieg, das Fahrzeug wird - für das Militär - gebraucht.
Wegen der bald einsetzenden Gefahr, dass Danzig bombardiert werden könnte, mussten Kinder und Mütter aus der
Innenstadt und dem Hafengebiet an sichere Orte evakuiert werden. So brachte mein Vater uns Kinder mit meiner
Mutter nach Jarischau/Eberhardsdorf, auf den Bauernhof seines jüngsten Bruders Benno. Es war der Hof meiner
Großeltern Schulz. Davon habe ich ein schriftliches Zeugnis. Es ist eine Postkarte, die mir mein Vater 1943 zu
meinem Geburtstag schickte. ( Karte /01/ vom 26.10.43 ) Er schrieb mir nach Eberhardsdorf, weil er an meinem
Geburtstag in Danzig war.
Das solch eine Gefahr aus der Luft bestand habe ich miterlebt! Ich erinnere mich, dass wir vor der “Evakuierung”
eines Abends in den Keller des Vorstädtischen Grabens 2, unserer Firma mit Nachtzeug und einem braun lackierten
Holz - Koffer gegangen sind.
Der Angst vor Bombenangriffen hatte die Regierung veranlasst, in der Nähe der Altstadt von Danzig, Fesselballons
schweben zu lassen. Ich sah sie an Seilen schweben nahe der Schwarzschule, die ich besuchte. Auch waren die
Fenster unserer Schule mit  dunklen bunten Papieren - adventlicht - beklebt. Verdunklungsrollos wird es zusätzlich
gegeben haben, denn die waren damals allgemein vorgeschrieben. Am Fensterrahmen waren klappbare Leisten, die
an den Seiten der Rollos den Lichtaustritt verhindern sollte. In der Dunkelheit wurde das Einhalten des
Verdunklungsgebotes von Patrouillen auch kontrolliert.
Ich erinnere mich, dass mein Vater eines Abends, als wir  in ein Haus in Langfuhr zurück gekehrt waren, mit uns vor
die Haustür ging und die uns überfliegenden Flugzeuge zeigte. Der Windfang vor der Haustür diente als
Lichtschleuse.
Auch erinnere ich mich, dass ich auf meinem langen Heimweg von der Schule in Langfuhr im Jeschkentaler Weg
zuschaute, wie Männer Nebeltonnen öffneten. Mich jagten sie davon, ich solle machen, dass ich nach Hause komme.
Aber ein Wegstück weiter schaute ich dann dem selben Ereignis gespannt zu Eigentlich sollte ich bei Fliegeralarm
nach der Schule bei meiner Tante Gunhilde Schutz suchen. Es war aber einen Ermessensfrage, ob der Weg nach
Hause kürzer war.
Als vorbereitende Verteidigungsmaßnahme wurden um Danzig Panzergräben ausgehoben. Mein Vater musste da
jeden zweiten Sonntag den Arbeitsdienst mit der Spaten und Schippe unterstützen. Wenn er dazu morgens früh raus
musste, war das manchmal bitter. Denn oft war er schon in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag im Dienst: Er
musste das Ausladen von Lebensmitteln aus  Güterwagen beaufsichtigen, damit dabei nichts entwendet wurde. Und
die Güterwagen, so hieß es, müssten schnell entladen werden, weil die Transportmittel knapp waren. Handel und
Wehrmacht standen da in Konkurrenz.
Unter diesen “Panzergräben” konnte ich mir damals aber wenig vorstellen, im Gegenteil, ich glaubte, das seien 
Fahrbahnen für Panzer, die nur für deutsche Panzer geeignet seien, während ich mir die russischen Panzer schmäler
vorgestellte, sodass sie da rein fallen konnten. Zugleich hatte ich an dieser Vorstellung Zweifel: Panzer können
überall durchs Gelände fahren, die brauchen doch keine eigenen Straßen, auf die sie angewiesen sind. Kinder sind in
ihrer Phantasie oft überfordert und entsprechend die Eltern wohl auch.
Dagegen waren die Splittergräben, die wir in unserem Garten ausheben lassen mussten, eine Mahnung, wie ernst die
Gefahr auch für uns in Langfuhr war.
Auch erinnere ich mich an den Besuch meines Patenonkels in Uniform bei uns.
Ich durfte mit in der  Erwachsenenrunde im Herrenzimmer dabei sei. Mich reizten  die diversen Orden auf der
Uniform meines Patenonkels und wollte auf seinen Schoß. Dort angelangt, begann ich damit, die Abzeichen zu
befingern. Das mochte er nicht. Ich musste runter vom Schoß. Da ging ich auf den Schoß meines Vaters. Und
während der Unterhaltung fing ich an, an dessen Parteiabzeichen rum zu fummeln. Da ging es dann wohl weniger um
die “Ehrenauszeichnungen” sondern um mein Gefummel. Rums, musste ich auch diesen Schoß verlassen. Da blieb
mir nur noch der Schoß meines Großvaters Werner als Zielort. Der hatte am Revers eine ganz kleinen Nadelkopf, den
er als Logenbruder trug. An dem durfte ich spielen. Wahrscheinlich mit den entsprechenden Blicken eines Siegers,
dennoch, ein, wenn auch kleines, Spielobjekt erobert zu haben.  Opas sind doch großzügiger als eitle junge Krieger.
Offenbar zu meiner Ertüchtigung hatte mir mein Patenonkel Kriegscomics geschenkt. Eine Szene erinnere ich noch:
Russische Soldaten greifen mit Handgranaten ein Krankenhaus an, das auf dem Dach mit einem roten Kreuz
gekennzeichnet ist.
Eines der Hefte war besonders aufregend. Durch eine Brille konnte ich Szenen des Krieges räumlich (drei-D ) und in
Farbe sehen.
Meine letzte Erinnerung an “meinen” Onkel Siegfried ist, wie er aus dem Fenster  eines Lazarettzug als Verwundeter
winkte. Er hatte einen verbundenen Arm. Es war nur ein kurzer Augenblick, dass ich ihn sehen konnte. Dieser Zug
war uns angekündigt worden. Mit viel Aufregung und hoher Erwartung war ich damals mit einigen
Familienmitgliedern auf dem Danziger Bahnhof. Ich sehe immer noch vor mir das Gewusel vieler Menschen, die
auch ihre durchfahrenden Angehörige grüßen wollten. Meine Augen fanden ihn erst im letzten Augeblick unter den
vielen Soldaten, die aus den Abteilfenstern heraus winkten.
Bei Stadtgängen in Danzig blieb meine Mutter mit mir jeweils an einem Spielzeuggeschäft stehen. Da war es
überwiegend das Kriegsspielzeug, das mich interessierte. Das muss mit meinem Patenonkel in Verbindung stehen.
Jedenfalls hatte ich später in Langfuhr einen Spielzeugpanzer. Abends, wenn wir im Spielzimmer im Keller spielten,
ließ ich diesen besonders gerne fahren, wenn ich das Licht ausmachen konnte. Dann sprühten neben dem
Kanonenrohr Feuerfunken, ausgelöst durch den Abrieb eines Feuersteines.
Peinlich war es, als ich in Langfuhr dabei erwischt wurde, während des Spiels mit Nachbarjungen eine kleine Flak
gestohlen zu haben. Die hatten so viele Kriegsspielzeuge, dass sie meinen Diebstahl erst gemerkt haben, als ich
schon wieder zu Hause war. Da klingelten sie abends bei uns an der Tür und erzählten ihren Verdacht meiner Mutter.
Die wiederum redete mit mir. Ich konnte es nicht verleugnen. Es war mir so peinlich, dass ich mit den
Nachbarkindern kein zweites Mal mitspielen wollte. Die sahen mich fortan als “Dieb” an. Peinlich, peinlich!
In Eberhardsdorf lernte ich den Kampfruf: “Achtung, Achtung  Ende, überm Kuhstall sind Verbände“. Und was das
bedeutete zeigte uns Kindern in Langfuhr mein Vater. Er ging mit uns eines Abends vor die Haustür und zeigte uns
fliegende Flugzeuge am dunklen Himmel. Ich glaube, er behauptete damals auch, dass die russischen Bomben nicht
immer explodieren. Vielleicht war das nur Propaganda, um die Bevölkerung zu beruhigen.
Meine direkten Kriegserfahrungen sind harmlos. Auf der Bahnfahrt von Berlin nach Stadthagen hielt der Zug wegen
angekündigter Fliegerverbände auf freier Strecke. Wir mussten uns auf die umliegenden Felder verteilen. Ich erinnere
mich, wie eine allgemeine Hast, ja Angst, alle ergriff. Bevor diese Stimmung aber auch auf meine Geschwister und
meine Cousinen übergriff, sagte meine Mutter zu mir: Wir wollen jetzt eine Essenspause im Freien machen. Mit
dieser geschickten Antwort, sah ich die Situation als alltäglich, wenn auch außergewöhnlich an. Wir ließen uns am
Bahndamm nieder. Ich holte aus meinem Schulranzen, den ich als Reisegepäck trug, die darin mitgenommenen
Esssachen heraus. Das normalisierte auch die Situation für meine Geschwister wie auch die beiden Cousinen.
Dass die sich stimmungsmäßig an mir orientierten, war die Beobachtung meiner Mutter gewesen. Wir blieben ruhig,
statt in ein allgemeines Weinen aus zu brechen. Diese psychologische Masche hatte meine Mutter, wie sie es später
sagte, oft ausgenutzt. Entsprechend hat sie vor mir in allen Situationen die Ruhe demonstriert, die mir und damit uns
Kindern Sicherheit bot.
Glimpflich verlief für unsere Familie ein Bombenangriff in Gadebusch. 
Wir waren bei einer Pastorenwitwe untergekommen. Aus Platzmangel schlief meine Schwester am anderen Ende des
Ortes bei einer Frau, die wir die Puppentante nannten. Denn nicht nur auf ihrem Sofa saßen viele Puppen, sondern
die ganze Wohnung war mit Puppen  dekoriert. Um diese Schlafstelle habe ich meine Schwester immer beneidet.
Als ich dann dort einmal ausnahmsweise an ihrer Stelle übernachten durfte, wurde ich von einer Explosion aus dem
Schlaf gerissen. Aufgeregt schaute die ebenfalls erwachte “Puppenmutter” aus dem Fenster und sah zu ihrem
Schrecken, dass in der Nähe meiner Familie Feuer war. Sie lief mit mir - offenbar hatten wir uns schnell angezogen -
zum Haus der Pastorenwitwe. Es war mir unangenehm kalt.
Vor dem Mehrfamilienhaus, das dem Haus der Pfarrwitwe gegenüberstand, war die Bombe nieder gegangen. (Im
Taschenkalender meines Vaters ist dieses Ereignis unter vielen anderen Daten festgehalten. Es war der 16.4.45,
nachts um 1 Uhr 30.  Viele Menschen waren zusammengelaufen. Vor diesem Haus war ein tiefes Loch, ein
Bombenkrater. Die Front des Hauses, in dessen Vordergarten die Bombe gefallen war, war zum großen Teil
herausgerissen. Jemand schrie aus seinem nun offen stehenden Zimmer um Hilfe. Er war eingeschlossen. Offenbar
ließ sich die Zimmertür nicht öffnen. Die Feuerwehr war da.
Wir gingen hinauf zu meiner Familie. Die war aufgeregt, aber es war ihnen nichts passiert. Nur das Bett meines
Bruders Manfred war mit Glasscherben übersäht, weil es unter einem Fenster zur Strasse hin stand. Und er schlief!
Meine Eltern wollten ihn nicht wecken. Es wurden nur die Glassplitter von seiner Bettdecke entfernt. Offenbar
rechneten meine Eltern damit, dass die Gefahr vorüber sei. Sie wollten wohl auch meinem Bruder die unnötige
Aufregung ersparen.
Wir wurden aufgefordert, sicherheitshalber in den vorgesehenen Luftschutzkeller zu gehen. Und der lag gerade unter
dem beschädigten Haus. Wie viele Menschen da ängstlich versammelt waren, weiß ich nicht. Jedenfalls kam bald
Panik auf, denn Wasser drang in diesen Keller ein. Offenbar war in der Strasse die Wasserleitung mit zerstört worden.
So durften wir den Schutzraum bald wieder verlassen und kehrten in unsere Wohnung zurück, - wo Manfred noch
immer selig schlief.
Anderen Tags erfuhren wir, eine Anzahl von Militärfahrzeugen hatte auf der Strasse gestanden. Eine Frau wollte sich
von einem der Soldaten verabschieden und hatte dabei eine Taschenlampe angemacht. Der Zufall wollte es, dass 
britische Flieger das beobachteten und reagierten. Erst warfen sie eine Leuchtbombe und dann die eigentliche
Bombe. Die Militärfahrzeuge aber entwischten ihnen rechtzeitig.
Neben diesem “Bombenerlebnis” habe ich noch die Erinnerung, wie wir mit einem LKW durch Kiel fuhren. Es war
der 27. 4.45. Es lagen Trümmerbrocken auf den Strassen, über die wir hinwegschaukelten, vorbei an brennenden
Ruinen. Es war gerade nach einem der vielen Bombenangriffe auf die Stadt.
Die feindlichen Flieger versuchten sich vor der deutschen Flak zu schützen. Dazu warfen voraus fliegende Flieger
Aluminium-Lametta ab. Nach einem Angriff auf Kiel gingen die eines Tages über Eckernförde nieder. Es war uns
verboten, diese auf zu sammeln und sie gar als Tannenbaumschmuck zu benutzen. Es hieß, sie könnten vergiftet sein
oder, wenn wir sie als Tannenbaumschmuck benutzen, sich entzünden und damit unsere Wohnstube in Brandt setzen.
Die ersten Flüchtlinge.
Darunter waren in Eckernförde offenbar wir. Da uns unsere dortigen Verwandten , die Langes, nicht aufnehmen
wollten, erreichte es mein Vater, dass wir in die obere Wohnung der Villa des Landrates kamen: Am Mühlenberg 4.
Dort war gerade der General Ebeling ausgezogen. Ich sehe ihn noch heute im offenen BMW mit einem Soldaten als
Chauffeur abfahren. Dazu ein Kradfahrer mit einer BMW mit Seitenwagen.
Wir bekamen ein großes gemeinsames Schlafzimmer mit großen Fenstern, die den Blick in den parkartige Garten
und auf die Förde frei gaben. Aber offenbar nur für wenige Tage. Denn bald mussten wir es räumen. Ein großer
Strom von Flüchtlingen ergoss sich über Schleswig-Holstein. Unter den vielen Fahrzeugen, die den Mühlenberg
hinauf kamen war auch Militär u.a.a. Panzer, das sich nach Flensburg zurückzogen.
Waren wir  zuerst mit der Landratswitwe, Frau Matthissen, allein ,so zogen bald 4 weitere Familien ein. Auf unsere
Etage, Döges und Bruchs. Über uns in den Bedienstetenzimmer ein weiteres Ehepaar und in das Untergeschoss eine
Familie mit mindestens 4 Kindern.
Wir waren nur mit Koffern und Kisten gekommen. Aber mein Vater organisierte gleich nach unserem Einzug - noch
vor Kriegsende - aus den Beständen der Winterhilfe - Betten mit Strohsäcken, braune Decken, die oben und unten
eine schwarze eingewebte Meander-Bordüre auf einem weißen Untergrund verziert. Dazu zwei Militärspinde,
Geschirr und zwei paar Ski. Er nahm, was er bekommen konnte. Dass danach noch so viele bedürftige Flüchtlinge
kamen, damit hatten offenbar die Behörden nicht gerechnet.
Die Zentralheizung war außer Betrieb. Doch wir hatten als Erstankömmlinge Glück: wir bekamen die Küche mit Bad
und ein kleines Schlafzimmer zugewiesen. In der Küche war ein Gasherd, und mit dem konnten wir - wenn auch
heimlich - heizen. Später hatten wir eine Hexe, die wir uns auf einem zweirädrigen Wagen von einem Schmied aus
Borby kaufen konnten.
Unser Vater.
Ein besonderes Glück war es für uns, dass wir unseren Vater hatten. Während wir drei Kinder bei unserer Mutter gut
aufgehoben waren, unternahm mein Vater viele Reisen. In Angeln nahm er Kontakt auf mit einem Freund einer seiner
Brüder. Der war in Fleckeby (?) Direktor einer Molkerei. In wöchentlichen Abständen durfte er dort für uns per
Rucksack Käse und reichlich viel Quark abholen.
Im Eckernförder Hafen hatte unser Vater einen Danziger Fischer ausgemacht. Von dort bezog er gegen seine
Zigarettenmarken bzw. Tabak Dorsch und Dorschleber, die meine Mutter ausließ, indem sie sie briet.
Mein Vater fuhr oft nach Lübeck, gründete dort mit anderen Flüchtlingen den Bund der Danziger.  Abwechselnd fuhr
er nach Hamburg, Schleswig, Kiel oder Flensburg und traf sich dort mit Danzigern und Verwandten oder wurde bei
Behörden vorstellig. Er wollte wieder eine Lebensmittelgroßhandlung aufmachen. In all den Städten besuchte er
Tauschzentralen, in denen er Gegenstände, die er irgendwo auftrieb, gegen Dinge eintauschte, die wir brauchten. So
lag in Eckernförde einige Tage ein Fotoaperrat aus unserem geretteten Gut im Schaufenster. Auf meinem Schulweg
schaute ich immer rein. Mein Vater suchte dafür ein Federbett und bekam es. Auf Grund seiner Beziehungen und mit
Hilfe seiner aus Danzig geretteten Barmittel konnte er auch viele Güter heranschaffen, mit denen er dann auch die
Verwandten in Gröbitz und die Omi in Königsberg unterstützen konnte.
Seinem Bruder  Werner in Mühlhausen schickten wir z.B. Lebertran, dafür schickte er uns Schnaps. Dazu benötigten
wir Feldflaschen. Die wurden so weit eingebeult, dass sie im gefüllten Zustand das zulässige Gewicht nicht
überschritten.
Die Versandmöglichkeiten nach Königsberg wie auch in die “Ostzone” waren eingeschränkt. Onkel Werner schickte
uns die leeren Ölflaschen zurück und wir ihm die geleerten Schnapsflaschen. Ich wundere mich heute noch, wie gut
das mit den Diensten der Post klappte.
Schändung der Großeltern.
Welch einen Absturz, welch eine Erniedrigung erlitten dagegen meine Großeltern, beiderseits. Die Großeltern Schulz
waren erfolgreiche Großbauern, die Großeltern Werner gebildete Städter.
Die Großeltern Schulz.
( siehe die Briefe: vertrieben aus Hinterpommern.)
Der Opa, mein Großvater väterlicherseits, war das Kind eines Mühlenbesitzers. Die Eltern starben, als er noch ein
Kind war. Der Besitz seiner Eltern wurde verkauft und von Verwandten bis zu seiner Volljährigkeit verwaltet. Von
diesem Erbe kaufte er sich den Hof in Jaroszsewy und heiratete die Selma Löschmann von Labuhnken. Beide führten
erfolgreich den Hof und ermöglichten allen fünf Söhnen eine gymnasiale Schulbildung, auf der sie alle eine eigene
Berufsausbildung aufbauen konnten.
Die einzige Tochter Hildegard viel einem Dienstmädchen auf den Fußboden. Die Kopfverletzung hatte eine totale
geistige Behinderung zur Folge.
Der jüngste Sohn Benno bekam 1937 den Hof überschrieben. Der wurde dort nach 1939 Bürgermeister. Der
Ortsname wurde angeblich nach mir eingedeutscht in “Eberhardsdorf”, weil ich der erste männliche Nachkomme
meines Großvaters war.
Ein geruhsamer Lebensabend war ihnen sicher. Als Altbürgermeister genoss er als einziger deutscher Bauer unter den
polnischen Bauern seines Dorfes ein hohes Ansehen. Er war “der alte Herr”.
Als der Sohn Benno mit seiner Familie und und den Großeltern und der Hildegard widerwillig ( Brief /06/ vom 20.
2.45.) auf die Flucht gingen, hatten sie im Gepäck u.a. dutzende von gestrickten Strümpfen und Socken, in die Opas
Initialen mit Perlen eingestrickt waren. Oma hatte Strümpfe, wenn sie durchgelaufen waren, bis zum Schaft gleich
wieder aufgeribbelt und neu angestrickt, so dass der Bestand an Strümpfen eher zunahm, als dass er weniger wurde.
Die Russen überrollten den Treck, missbrauchten alle Frauen, plünderten die Wagen und schickten alle wieder
zurück. Auf ihrem Hof durften sie nicht bleiben. Mit paar Habseligkeiten und offenbar manchem Proviant fanden sie
in Franzen bei Schlawe Zuflucht. Ca. 140 Km vom enteigneten Hof entfernt. Dort bekam nur der Geld, der dafür
arbeitete. Und wer arbeiten konnte, musste es. ( Brief vom /08/4.7.46. ). Jeder war so seinem eigenen Schicksal
ausgeliefert. Es gab für  die Schulzens keinen Ausweg, bis sie endlich über die Oder in die “Ostzone” ausgewiesen
wurden. Sie landeten in Gröbitz, bei Weißenfels. - Hier hofften sie auf eine Rückkehr auf den eigenen Hof.  - Aber
viel besser ging es den Großeltern da auch nicht. Sie bekamen wenigstens eine kleine Rente. Ihr Vorteil war, dass ihre
Schwiegertochter Herta aufopferungsvoll für sie da war. Miteinander treu durch Dick und Dünn zu gehen, hat sie der
Familie gezeigt, in die sie hineingeheiratet hatte.
Welch ein Selbstbewusstsein spricht aus Oma, wenn sie sich als gesundheitlich robust sieht und tapfer aufs Feld geht.
( Brief /05/vom Dez. 45 ) Mit welch einem Humor nimmt Opa den Mangel an Fleisch hin! ( Brief /17/vom 6.11.48 ).
War es auch Humor oder war es Bescheidenheit, als er sich entschied, nicht zu uns nach Weinheim aus zu siedeln, wo
er es versorgungsmäßig besser gehabt hätte? Er gab jedenfalls zu bedenken, dass er mit seiner schäbigen Kleidung
nicht in die Stadt passe.! ( Brief /34/ vom 20.6.50 ). Gute Miene zeigte er, wenn er gelegentlich Bennos Schuhe statt
seiner Holzpantoffeln trug und sich dann als Herr fühlte. ( Brief /23/ vom 9.2.50. ). Bunte Taschentücher wünschte er
sich, weil er lebenslänglich gerne schnupfte: Streckte er den linken Daumen, ergab sich im Handwurzelbereich eine
Kuhle, in die er den Schnupftabak gab, den er sich dann in die Nase reinschnüffelte. ( Brief vom /24/ vom 1.3.50 ).
Wo er auch war, er beging die Felder, beobachte das Wachstum und gab dazu seine meist kritischen Kommentare ab.
Wieder auf den Hof, in die Heimat zurück kehren zu dürfen gaben sie nicht auf. ( Brief vom    ). Unsere Oma, die uns
Kinder in Eberhardsdorf so oft  mit Lebkuchen verwöhnt hatte, starb mit 75 Jahren am 18. 5. 50 vor ihrem Ehemann,
der am 13. 11. 53 mit 83 Jahren verstarb.
Die Großeltern Werner.
( siehe die Briefe: verhungert in Königsberg.)
Großvater Werner, Bauingenieur bei der Reichsbahn. Zuletzt in Königsberg im Planungsbüro. Sohn eines Tischlers.
Für die Geschwister werkte er kleine Wandschränkchen, als Hausapotheken.  Briefkassetten. Mir einen Griffelkasten.
Diesen bemalte Omi Werner mit einem Kasperlekopf. Sie malte viele kleine Bilder in Öl auf  Leinwand, Keramik
oder Holz. Ich habe auch eine von ihr gestaltete Postkarte, gezeichnet und koloriert: Ein Vogel steht als Wachsoldat
vor einem Schilderhäuschen, in dem ein Vögelchen sich im Brautkleid versteckt hat. Und nun kommt der
wachhabende Offizier und schaut um die Ecke in das Schilderhaus: entdeckt!
“Ihre Lieben” wurden mit solchen Grußkarten und Geschenken bedacht. Nur wenige dieser Kunstwerke blieben uns
erhalten. So durch die Eltern von Lieselotte Werner, Siegfrieds Ehefrau,  die Eltern Wellershaus, die den Krieg in
Stadthagen, bei Hannover unbeschadet überstanden. Das meiste blieb bei Tante Grete in Bad Salza, der Schwester
meiner Großmutter in der “DDR” erhalten. Letztere bekam von ihrer Nichte Hildegard, unserer Mutter, viel Beistand
und “Geschenksendungen”. Als Dank schickte sie uns so manches Bild, eine Briefkassette, ein Telefon -
Notiztäfelchen und viele Photos, die einen Einblick in die Kindheit unserer Mutter geben. Denn Luise Werner
fotografierte seit ihrer Jugend. Mutti, erzählte immer wieder davon, dass ihre Mutter die Bilder bei Sonnenlicht am
Zimmerfenster selbst abgezogen habe.
Mutter Werner war auch eine gute Sängerin, die Gesangstunden hatte und oft im Marienwerder Dom bei
kirchenmusikalischen Veranstaltungen als Solistin mitwirkte.
Die Eltern Werner ließen ihre drei Kinder das Klavierspiel erlernen und alle durften dazu noch ein zweites Instrument
erlernen. Christel Cello, Hildegard Orgel und Siegfried Konzertflöte. So gab es im Hause Werner manches
Hauskonzert, an dem auch andere Freunde beteiligt wurden. So die Familie Zander, deren Tochter Helga Muttis
lebenslange Freundin wurde. Die hatte später Papas Freund, Paul Müller, geheiratet. Bei deren Hochzeit haben sich
auch unsere Eltern kennen gelernt.
Damals war es selbstverständlich, dass Kleidung selbst genäht wurde. Unter den vielen Kinderbildern meiner Mutter
sind zwei, die Omis Liebe zur Schneiderei besonders offenbaren . Allen drei Kindern hatte sie einen Matrosenanzug
geschneidert. So präsentieren sie sich als “Jungens“., Das anderes Bild zeigt alle drei Kinder in weißen langen
Kleidern, gleicher Schnitt, nur der Körpergröße angepasst, als “Mädchen“.
Mir hat meine Großmutter zum Schulanfang einen Seppel gemacht. Ein von ihr bemalter Porzellankopf mit einem
Balg, bekleidet mit Unterwäsche und Matrosenanzug. Auf dem Kopf statt der Haare eine Matrosenmütze. Dazu einen
ledernen Schulranzen., Darinnen eine Schiefertafel mit anhängendem Schwamm, ein kleines Schreibheft und einen
kleinen Bleistift oder Griffel . Ob noch eine Brottasche dazu gehörte, wie ich sie auch selbst zu meinem Ranzen
bekommen hatte, weiß ich nicht.
Die Großeltern Werner sind für mich heute ein Symbol für den Glanz und die Größe Königsbergs und Königsbergs
katastrophalen Unterganges. Den Größenwahn Hitlers, der den Tod von Millionen von Menschen in Kauf nahm,
haben wir Deutschen mit dem Verlust von Ostpreußen bezahlt und mit dem Untergang von Königsberg. So schreibt
Jürgen Manthey  in seinem Königsberg buch auf Seite 669: Das Ende dieser Geschichte /vollzieht sich nun auch in
Königsberg, und so hoch die Stadt als gei- / stig-politische Metropole einmal gestanden hatte, so tief war jetzt ihr
Fall.”
Die Briefe meiner Großmutter und ihrer Leidensgenossen zeugen davon. Das eindruckvollste Beispiel ist der Brief
vom 19.1.1947. /53/
 Opi, mein Großvater starb mit 62 Jahren am 28. November 1945 an Diphtherie. ( Postkarte /47/vom 1.6.46.) Omi,
meine Großmutter verstarb an Entkräftung am 11. Mai 1947 mit 59 Jahren. ( Brief /59/ vom 18.5.48) Sie hatte in
ihrer Gutmütigkeit mit Vielen oft ihre knappe Nahrung geteilt. Ihre letzten physischen Kraftreserven verlor sie, weil
sie abgekochte Kartoffelschalen aß. Die waren verdorben und schon ganz schwarz. Sie hatte sie von einem
befreundeten Ehepaar mitgebracht, die diese nicht mehr essen wollten. ( Brief / 61/ vom 26.5.48. )
Dass meine Großmutter überhaupt solange überlebt hat, kommt mir wie ein Wunder vor, wenn ich von Manthey den
Bericht “Das Ende” lese.
Ein Passfoto von Ihr gibt mir einen Hinweis. Sie ist darauf ganz schmal. Sie hat das Gesicht eines Fuchses. Vielleicht
hat sie die Schläue eines Fuchses gehabt. Aber was hat sie uns alles verschwiegen? Ist sie der Schändung durch
russische Soldaten entgangen, weil sie vorsichtig war oder nur weil sie Glück hatte?
Wie viel Selbstachtung hat sie vor sich selbst bewahrt! In der Hoffnung, einer Tages doch noch in das “Reich” zu
kommen, bewahrte sie sich ein paar gute Kleidungsstücke auf. ( Brief /53/vom 19. 1. 47 ) Ja, sie wollte auch nicht
mit leeren Händen kommen. Sie wollte ihren Enkelkindern etwas mitbringen. ( Brief /59/ vom 18.5.48 ). Wie viele
Nahrungsmittel hätte sie sich davon kaufen können!
Vergeblich gewartet, vergeblich gehofft.
Irgendwann nach Kriegsende, erfuhren wir, dass unsere Omi noch in Königsberg ist und lebt. Als Kind nahm ich
Anteil an der Hoffnung meiner Mutter, dass die Omi bald zu uns kommt. Wenn ich gerade mal nicht draußen war und
mit den anderen Kindern spielte, ja, wenn schlechtes Wetter war und ich vielleicht auch Langeweile hatte, ging ich an
das Küchenfenster und schaute hinunter auf die Strasse, den Mühlernberg. Der Verkehr, er war nur noch spärlich, der
von Eckernförde nach Kappeln oder Schleswig oder von dort nach Eckernförde war. Da waren dafür viele Menschen
zu Fuß unterwegs, auch mit Handkarren oder Fahrrad. Ich beobachtete sie. Letztlich in der Hoffnung, dass eines
Tages hier auch die Omi vorbeikommt, auf dem Weg zu uns.
Vor meinen Augen sehe ich heute noch, eine alte Frau, die sich mit einem Rucksack auf dem Rücken den
Mühlenberg hinauf geschleppt hatte. Nun musste sie verschnaufen. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die
Friedhofsmauer, die sich uns gegenüber auf der anderen Straßenseite entlang zog. Den Rucksack hatte sie nicht
abgenommen. Er ruhte auf der Mauer. Da durchfuhr mich der Gedanke, dass das die Omi sein könnte. So stellte ich
mir ihre Wanderschaft zu uns vor. Aber sie hatte nicht Omis große schlanke Gestalt und diese “Frau” schien älter zu
sein. Aber es regte mich an, öfters nach ihr auf der Strasse vor unserem Haus Ausschau zu halten. Es könnte ja sein!!!
Bald gab es die Möglichkeit ein Päckchen pro Monat an sie nach Königsberg zu schicken. Diese Chance nützten
meine Eltern so gut als möglich aus. ( Brief /55/ vom 31.4.47. ). Jedoch erzählte mir meine Mutter, dass unsere Omi
den Inhalt dieser Päckchen mit ihrer Zimmergenossin teilte. In den Karten und Briefen gibt es dafür indirekte
Hinweise.
Als uns dann eines Tages die Nachricht erreichte, dass die Omi doch gestorben sei, legte sich eine bleierne Schwere
auf uns. Meine Mutter ging zum Pastor in Borby und bat darum, dass der Tod ihrer Mutter am nächsten Sonntag im
Gottesdienst verlesen werden möge.
Zu diesem Gottesdienst begleitete ich sie. Dass und meine Geschwister mit dabei waren, ist wahrscheinlich. Papa war
wohl verreist. Ich erinnere mich nur daran, wie meine Mutter in der Kirche still zu weinen anfing, als der Name ihrer
Mutter nach der Predigt von der Kanzel verlesen wurde.
Als wir im darauf folgenden Winter irgendwo in der Kälte unterwegs waren, stieß meine Mutter den Ruf aus: “Mutti,
Mutti, Dein Kind friert!”
Ersehntes Wiedersehen.
Was mir auffällt beim Lesen der Briefe nach fünfzig Jahren, ist die große Sehnsucht nach einem Wiedersehen. Der
Wunsch wieder miteinander an einem Tisch zu sitzen und sich miteinander zu erzählen. Heutige Familien, soweit es
sie überhaupt noch gibt, sitzen selten zusammen an einem Tisch. Gemeinsame Mahlzeiten ein zu nehmen, sind
beruflich und aus persönlichen individuellen Terminen nur schwer möglich. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert.
Damals gab es nur in wenigen Haushalten ein Radio. Als es im Dritten Reich per “Volksempfänger” in die
Wohnzimmer einzog, sollte es der Propaganda dienen. Da mochte manch einer schon nicht zuhören. Im Krieg war
das Hören von ausländischen Sendern bei Strafe verboten. Zwischenzeitlich ist der Fernseher nicht nur in die
Wohnstuben eingezogen, sondern auch in die Kinderzimmer.
In der DDR war es verboten, Westsender zu sehen. Tageszeitungen gibt es wie früher hauptsächlich in den
bürgerlichen Familien. Bücher werden heute Palettenweise in die Buchhandlungen geliefert. Diese Überfülle an
Medien und Informationsquellen, die durch das Internet noch erweitert werden, überfordern uns. Dieser vielfältigen
Neugier, die der Mensch von Natur aus mit sich bringt, scheint der heutige Mensch nicht mehr gewachsen zu sein.
Das war vor 50 Jahren noch anders. Da bewegten familiäre Nachrichten und Ereignisse die tägliche Neugier. Die
Anteilnahme an der Entwicklung der Verwandtschaft und der Nachbarschaft regten zu engagierten Gesprächen an.
Die Aufnahmequantität für “Geschichten” ist begrenzt. So brauche ich mich nicht zu wundern, weder, dass
verwandtschaftliche Beziehungen einschlafen, noch, dass meine Erinnerungen und die sie anregenden Briefschaften
meiner Eltern nur wenige interessieren.
Kalte Heimat.
(vgl. a. Andreas Kossert, Siedler 2008.)
An seinem Geburtstag, den 22. September 1944 hat mein Vater an alle Gäste, Verwandte und Freunde eine 
Anschriftenliste verteilt. Die sollten sich alle gut aufbewahren, um notfalls im Reich Ansprechpartner zu finden oder
zu wissen, wer alles zu Papas Freundeskreis gehört. Er wurde damals von manchem belächelt. Am Ende war das eine
gute Sache: Die Verwandtschaft konnte sich schnell wieder finden, nachdem fast alle ihre Heimat verlassen mussten
und der  Rest - Deutschland von Flüchtlingen überflutet wurde. Aber mehr auch nicht. Unsere eigene Enttäuschung
begann schon in Stadthagen.
Da auch Bombenopfer auf das Land verteilt wurden, mussten eines Tages die Wellershaus, - er war Leiter des
dortigen Finanzamtes, - in seine Wohnung fremde Leute auf nehmen. Da wir nur Reisende, also Besucher waren,
bedrängte Vater Wellershaus meine Mutter, sich irgendwo anders eine Unterkunft zu suchen. Dem widersetzte sich
seine Tochter Liselotte heftig, aber vergeblich. Die Cousinen Ingrid und Brigitte blieben bei Tante Liselotte, wir aber
mussten gehen. Wir waren mit so schäbigen Geschirr verabschiedet worden, dass die neue Vermieterin uns erst mal
mit ansehnlichem Geschirr aus ihren Beständen versorgte.
Die Wellershaus waren bitter, dass ihr beiden Schwiegersöhne, Siegfried, der Mann von Liselotte und Bruder meiner
Mutter gefallen war. Desgleichen der Ehemann der zweiten Tochter Alma. “Dir ist es doch bisher gut gegangen,
Hilde. Du hast doch noch Deinen Mann. Nun siehst Du, wie es ist, ohne Mann da zu stehen!” So jedenfalls gab Mutti
die Begründung für den Rausschmiß der Wellershaus in ihren Erzählungen weiter.
Das schrieb aber meine Mutter nicht meinem Vater. Sie wollte ihn nicht beunruhigen. Als dann mein Vater in
Stadthagener Schloss ankam, war er überrascht. Er wurde zu uns weiter geschickt. Wir waren bei einer Familie
Meyer unter gekommen.
Nicht viel besser erging es uns, als wir in Eckernförde ankamen. Da hatten wir Verwandte, die Langes. Da war es die
Tochter Gisela, die uns nicht haben wollte. Wir konnten da nur wenige Tage bleiben. Doch in diesen Tagen war das
noch kein Problem. Mein Vater fand eine Wohnung: Den Mühlenberg 4.
Politische Verantwortlichkeit.
Was mir auch auffällt, an den Briefen, ist, dass die Briefe keine politischen Reflexionen enthalten. Gut, die
Großeltern Schulz hatten lebenslang mit dem Wechsel von Guten Jahren und schlechten Jahren gelebt. Da war immer
das Wetter entscheidend. Persönlicher Fleiß konnten dagegen nicht viel ausrichten. Mit dem Glück rechneten sie, das
Pech nahmen sie hin. Das Dorf war relativ autark. Die Schmiede vor Ort reichte zum Beschlagen der Pferde und
Bereifen der  Leiterwagen. Die Mühle am Dorfrand verarbeitete das Getreide zu Mehl, das auf den Höfen zu Brot
verbacken wurde. So waren bis in die 40-ger Jahre die Dörfer autark. Dafür trugen sie auch das volle Risiko.
Es mag auch mitspielen, dass Politik ein Bereich war, für den der Kaiser zuständig ist oder was die Regierenden
unter sich ausmachen. Sie nahmen es hin, wie das Wetter. Am persönlichen Schicksal änderte das für die meisten
nicht viel. Sie wirtschafteten in ihrem eigenen überschaubaren Bereich selbstständig und selbstverantwortlich.
Die Landwirte waren rund um Selbstversorger.
Da lebten Beamte wie die Werners schon unter einem weiteren Horizont. Die “Stadt” war eine andere Welt. Da
konnte man “privatisieren”, sich den schönen Künsten hingeben. Tageszeitungen, Reisende, brachten zwar auch die
Außenwelt ins Haus, aber im Sinne des Spruches, “Schuster bleib bei deinen Leisten”, konnte man sich schnell der
Politik entziehen. Wie viele sagen heute noch, mit Politik will ich nichts zu tun haben! Als - eingebildeter - Bürger
fasste man Flugschriften anders denkender nicht an. Ja, Hitlers “Mein Kampf” konnte jeder lesen, aber ernst nehmen
wollte man solch einen Möchtegern nicht, also las man ihn nicht. Jeder dachte sich seinen Teil und wenn, diskutierte
man im vertrautem Kreis. Irgendwann war es zu spät. Die Falle schlug zu und der Anspruch auf Meinungsfreiheit
und das Recht auf Information war mit Sanktionen bedroht.
Leben wir heute verantwortungsbewusster? Wer hat die Bücher aus der Feder der Politiker, wie Lafontaine, Kohl,
Schröder, Müntefering, Schmidt, Beck oder wessen auch immer überhaupt oder gar kritisch gelesen? Meine Mutter
hat es mir mal Nahe gelegt: Man muss sich auch mal die anschauen, die man nicht mag. 
Und was erlebe ich hier in Stockelsdorf: Man geht, wenn, dann nur zu Veranstaltungen der Partei, der man sich
verbunden fühlt. Wer will da die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkennen?
Die Verantwortlichkeit für Haus und Hof bzw. für die eigene Wohnstube hat sich global geweitet. Unsere
Alltagsgüter kommen auf verschlungenen Wegen anonym zu uns und wir selbst reisen ja auch in alle
Himmelsrichtungen. Wir sind durch Handel, Weltfinanz, Medien international vernetzt. Das Risiko des Alltags ist auf
viele Schultern verteilt. Wohlstand, Fortschritt, aber auch Wirtschaftskrisen, haben globalen Charakter. 
Ich war dabei.
Am 19. Oktober 2008 bekam der Maler und Bildhauer Amseln Kiefer den Buchpreis 2008. In seiner  Dankesrede
sagte er sinngemäß, dass er als Spätgeborener sich nicht aus der Schuldverstrickung der Deutschen unter den Nazis
entziehen könne.
Das muss auch ich bekennen. Ich wäre mit dabei gewesen! In der Grundschule hatte ich gelernt “Heil Hitler” zu
grüßen. Auf dem Weg zum Zahnarzt habe ich einen “Schupo” an einer Straßenecke selbstbewusst mit “Heil Hitler”
gegrüßt. Es erfüllte mich mit Stolz und das nicht nur, weil ich alleine zum Zahnarzt gehen durfte.
Gewiss, als der Krieg zu Ende war, bekam ich mit, dass an all dem erfahrenen Desaster Hitler schuld ist, und zerriss
alle von mir gesammelten Briefmarken, auf denen Hitlers Kopf zu sehen war. Aber zugleich betete ich aus der
alltäglichen Not heraus auch für meinen Patenonkel. Er möge doch noch leben. Ich träumte davon, dass die
Nachricht, er sei gefallen, eine lancierte Irreführung sein sollte. Ich wünschte, in Wirklichkeit hätte er sich mit
anderen Truppenteilen in den Weiten Russlands versteckt, um eines Tages neu den Kampf gegen Russland zu führen
und zu gewinnen. Zu stark lebte in mir sein schickes Portraitfoto , das ihn in seiner Uniform zeigte. Es hing
zusammen mit dem Ehrendegen, den er von Adolf Hitler persönlich überreicht bekommen hatte, in Stadthagener
Schloss über meinem Bett.
Als ich in Weinheim Mitglied der “Evangelischen Jungenschaft, die ´Deutschritter” war, marschierte ich stolz im
Gleichschritt mit den “Kameraden” in vierer Reihen hinter einer übernommen HJ-Trommel. Und das öffentlich alle
Jahre durch die Weinheimer Hauptstrasse. Ich  verehrte meinen “Führer”, den Obersekundaner Ernst Röck.
Als Soldat selbst strategisch erfolgreich mal zu kämpfen, erfüllte meine Tagträume.
Als ich später vor der Frage stand, ob ich zum Wehrdienst gehe oder verweigere, da wusste ich, verweigern kann ich
nicht aus Überzeugung. Zu oft erlebte ich mich auf der Toilette mit dem Wunsch nach einer Pistole, um genau in die
Ecke zu schießen, wo die Ecke zweier Wände auf die Decke zuläuft. Wenn es dann jeweils das Bedürfnis war mich -
gewaltsam - von etwas zu befreien. Als Jugendlicher hat man ja auch so seine Probleme.
Im Konfirmandenunterricht, als Pastor, habe ich zu diesem Thema immer die These vertreten, dass nur dann jemand
verweigern kann, wenn jemand anderes bereit ist, ihn zu verteidigen. In der Zeit des “kalten Krieges war das ein
Thema, das alle Gemüter erregte.
In meiner Büchner Gemeinde bat mich ein Mitglied der Jugendgruppe, ein Gutachten für seinen Antrag auf
Freistellung vom Wehrdienst zu erstellen. In unseren Diskussionen hatte ich ihn als einen überzeugenden Pazifisten
erlebt. Sein Antrag hatte Erfolg. Da er ein Bauernsohn aus Pötrau war, fand das aber kein Beifall im Dorf. Weder für
ihn, noch für mich.
Ich bin der Meinung, dass sich solch eine Verführung unseres Volkes und die vielfältige kriminelle Ermutigung
biederer Erwachsener wie auch Jugendlicher jederzeit wiederholen kann.
Populistische Egomanen wie Lafontaine werden immer wieder Erfolg haben, sobald es einer größeren Volksgruppe
wirtschaftlich schlecht geht. Dass das nicht nur Deutschen passieren kann, haben nach 1945 genügend andere Staaten
gezeigt und wissenschaftliche Untersuchungen im den USA belegt. Ganz zu schweigen von dem, was die Politik in
Israel, Arabien und den USA uns vorgeführt haben.
Mit Gewalt lassen sich keine Probleme lösen. Vernunft und Diplomatie treffen auch schnell an Grenzen. Individueller
Größenwahn, individuelle Traumata oder Emotionen von Völkern oder Politikern, Verträge, Bündnisse, Mythen und
Legenden, Machtkonstellationen, Glück, Katastrophen und wer weiß was noch alles die Geschichte in sich birgt, sind
der Cocktail historischer Ereignisse.
(H-E.S. 5.12.2010)
6