Von Gott emanzipiert - beten.
Aber wie?
Wie schwer es ist, ohne Gott zu leben.
Gott ist für gewöhnlich ein persönliches Bild von einem Wesen, das überall ist und den Lauf der Ereignisse
im Blick hat und sich als Helfer ansprechen lässt, auch wenn der Beter es nicht wahrnimmt. ER habe alles
gemacht, geordnet und regiere über alles.
Von diesem Bild haben sich die meisten Europäer emanzipiert. Wir verlassen uns auf unsere Uhr, unsere
Technik, unsere Konsumgesellschaft und öffentliche Sozialfürsorge. Reisesegen, Marterln am
Ortsausgang, an Wegkreuzungen werden weder gepflegt noch wird an ihnen innegehalten. Wie oft
bekreuzigen wir uns noch? In christlichen  Kindergärten werden noch Tischgebete gesprochen oder
gesungen. Zu Hause ist es in den Familien befremdlich. Und Luthers Morgensegen? Wer hat ihn lernen
dürfen oder müssen?
Die zehn Gebote, religiöse Vorschriften sind von Staatlichen Gesetzen, Ordnungen und gesellschaftlichem
Verhalten überwuchert.
Kirchen werden, wenn sie offen sind, in Notfällen zu Schutzräumen vor Wetterunbillen oder zu Museen
für Touristen.  Menschen dürfen Kirchen als festlichen Rahmen für Familienereignisse nutzen, wenn sie
Steuern zahlende Mitglieder der Kirche sind. An jahreszeitlichen Festtagen  und zu Konzerten erscheinen
aber auch Nichtmitglieder zu den Veranstaltungen. 
Physikalische und biologische Erkenntnisse und die darauf entwickelte Technologie haben uns materiell
unabhängig gemacht von Dämonen, Geistern Göttern und Heiligen.
 Völkerkunde, Geisteswissenschaften, Soziologie, Psychologie  werden heute der Neurologie unterworfen.
Der Mensch eröffnet sich als komplexer biochemischer Verbrennungsprozess.  Mythologische Metaphern
wie Gott, ICH, Bewusstsein von Raum und Zeit lösen sich in elektronische Signale, Vernetzungen  und
Hormone auf.
Es liegt die Erkenntnis nahe, dass in der menschlichen Vorzeit Imaginierte übernatürliche Wesen durch
Tradition zu Autoritäten wurden, die sich in der Allgemeinheit in „Bildnissen“ oder geistigen „Bildern“ und
Weltanschauungen konkretisieren.
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Wenn ich richtig informiert bin, ist unser Gehirn außerordentlich schöpferisch. Es schafft sich ein eigenes
Weltbild aufgrund der Wahrnehmungen über die mit ihm verknüpften 5 Sinne.  Ein sechster oder gar
siebenter Sinn ist offenbar ein Mythos. Sie sollen erklären, warum spontane körperliche wie geistige
Reaktionen – vorbei an unserem „Denken“ positive Ergebnisse zeitigen. Bei negativen Ereignissen
sprechen wir dann von Mist oder Pech.
Träume kommen nicht vom Sandmännchen, sondern sind – oft wirre – Reste des nächtlichen
Verarbeitungsprozesses  der Tageserfahrungen.
Dass unser Gehirn ein Eigenleben führt, haben die Neurologen  mit Hilfe moderner Bildgebungsverfahren
beobachtet.  So möchte ich an die viele irritierende Diskussion um den „freien Willen“  erinnern:  Es soll
sich nachweisen lassen, dass angeblich von uns als persönlich getroffene Entscheidungen  schon vorher
im Gehirn beobachtet werden können.  – Die neurologischen Erkenntnisse legen nahe, das individuelle
Gehirn als Produzent von Visionen und Offenbarungen an zu sehen.
Auch Religion ist das geistige PRODUKT des menschlichen Gehirns.
Religion ist individuell, zeitlich-räumlich bedingt
Selbstgewählte Autorität auf Zeit.
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Das mindert aber nicht die religiösen Probleme, die der Mensch hat. Ist es leicht, zu glauben, Götter,
Geister oder Dämonen hätten mit einzelnen Menschen gesprochen, um so vor der Öffentlichkeit eine
Autorität vorweisen zu können. Heute  sind es offenbar Hirngespinste, eigene oder fremde, mit denen wir
uns auseinandersetzen müssen.
Hirngespinste mit positivem Ausgang für die Gesellschaft sind Entdeckungen, Kultur und Technik.  Denn
Phantasie ist für den Menschen entscheidend.  Und glauben tut jeder Menschen. Glauben schafft
Hoffnung und gebiert Ausdauer im Experimentieren.
Die menschliche Religiosität hat die Funktion eines Katalysators für die menschliche Existenz.
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 Verantwortlichkeiten können nicht mehr von einer menschlichen Person auf  ein übermenschliches
Wesen abgeschoben oder übertragen werden.
 Mit der Bildung und den Wissenschaften ist unser Leben nicht nur bequemer sondern auch komplizierter
geworden. Das kleine Wörtchen „man“ und „die Gesellschaft“ verlieren an Bedeutung. Das individuelle
„ich“ ist täglich aufs Neue  gefordert, sich selbst zu positionieren!
An Stelle überlieferter Gebete tritt das persönliche, direkte Gespräch mit GOTT! So wie es schon Jesus
offenbar sagte: Ihr sollt nicht plappern, wie die Heiden, sondern  persönlich konkret  aussprechen, was
anliegt.
Aber sprich mal mit GOTT, wenn das nur ein Mythos, ein Phantom ist!  Vielen geht GOTT in
Extremsituationen unbewusst oder ungewollt über die Lippen.
Die Naturwissenschaften liefern kein ethisches Weltbild. Das Recht auf freie Religionsausübung wird zur
Pflicht, sich zu informieren und sich für eine neue Weltanschauung zu entscheiden. Da es keine „chemisch
reinen“ Religionen gibt, läuft es darauf hinaus, dass sich jeder sein eigenes individuelles Weltbild macht,
es pflegt und vertieft. So wird ein unreflektierter „Gott“ zum Lebensmaßstab: Eine Person, eine Idee. Sie
füllt mein Innenleben aus, sie bringt Ordnung in all das, was von außen auf mich eindringt  oder was das
Gehirn mir vorgaukelt.  Damit werde ich nicht nur für mein Leben verantwortlich, sondern auf für all das,
was in meinem Umfeld geschieht. Das nenne ich „sozialen Individualismus. 
Der Staat als öffentlicher Ordner sollte stets religionsneutral sein und bleiben, Individualismus fördern
und schützen.
Religionsfreiheit ist eine existentielle Notwendigkeit für die Menschheit
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Die existentielle Notwendigkeit der menschlichen Existenz war und bleibt das Gebet, näher betrachtet:
das Selbstgespräch.
Wer hat schon einmal Nachgedacht, ohne mit sich selbst zu reden, innerlich zu reden??
Wer sich dabei beobachtet hat, hat vielleicht die gleiche oder eine ähnliche Erfahrung gemacht.
Im Bewusstsein taucht ein Impuls auf. der sich  gleich in einen Begriff verwandelt,  mit Freuden begrüßt –
sich als Satz ausformuliert.
Wenn ich  hier nicht memorierend eingreife, gibt es neue Impulse usw. Ein Feuerwerk von  Ideen, die sich
um ein Thema sammeln oder ein Feuerwerk von Ideen, die nichts miteinander zu tun haben. Das Gehirn
eröffnet quasi ein Beschäftigungsangebot, das unkontrolliert sich praktisch in Fahrigkeit oder Ziellosigkeit
erschöpft.
Mir haben situationsbedingt entweder das Gebet oder Kugelschreiber und Papier   geholfen.
Gebet, als erfahrenes Zwiegespräch, nüchtern gesehen mit dem Vorbewussten. Der Anrede „HERR“ folgte
das  vorliegende Problem. Die dann aufkommenden Impulse usw. bewirkten in mir „Widerreden“ oder
„Aber“- Einwände. Ich kontrollierte gewissermaßen die Denkanstöße meines Gehirns. Das innere
Zwiegespräch endet, wenn ich glaube eine Lösung gefunden zu haben. Und diese Lösung geht dann in
eine Handlungsplanung ein.
Ähnlich soll Goethe gearbeitet haben: Er imaginierte die handelnden Personen und ließ sie im Geiste
sprechen.
Schriftform:  ich mache mir von den Gedankensplittern Notizen, um den eingefangenen Gedankengang 
später aufzuschreiben.  Das bedaure ich dann später, dass ich nicht alles gleich besser ausformuliert habe.
Weil später die gedankliche Eloquenz fehlt. Offenbar baut sich im Nachdenken ein Aufmerksamkeitspool
auf, der Assoziationen zum Thema   bereit stellt. Dieser Aufmerksamkeitspool, eine vorrübergehende
Verknüpfung bestimmter gespeicherter Erinnerungen, ist aber nicht stabil.
Eine gleiche  Erfahrung mache ich auch beim Predigen oder mit Reden. War ich vor der Ansprache durch die 
intensive Vorbereitung voll bei der Sache und beim Thema, so war es mir nicht möglich, später die Ansprache
aufzuschreiben oder zu widerholen. Ich muss dazu bemerken, dass ich nicht nur frei spreche, ohne vorher ein
schriftliches Konzept zu haben und ich reagiere auch während des Sprechens auf die Reaktionen, die ich in den
Gesichtern der Zuhörer wahrnehme.
 
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Beten ist ein notwendiges Selbstgespräch.
Diese Selbstgespräche sind auch im Alltag von Relevanz.
Wenn ich mir vorgenommen habe, irgendwo hin zu gehen oder etwas Bestimmtes zu tun, muss ich es „im Auge
behalten“.  Zu viele Ablenkungen erreichen das Gehirn. Das kann man besonders bei Kleinkindern beobachten, wie
leicht sie sich ablenken lassen oder „verspielen“. Siehe auch das Problem der Konzentrationsstörung.      
Wenn ich eine mehr oder weniger monotone körperliche Arbeit mache – Beeren pflücken, Unkraut jäten, 
Hauswurfzettel in Briefkästen verteilen – geht mir als Taktgeber wie in einer Endlosschleife ein Lied durch den Kopf.
 Wenn ich schlecht geträumt habe und mich eine dunkle Stimmung festhält  beeinflusse ich meine
Stimmung mit  dem Kanon: „Froh zu sei, bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König“.  Nach drei bis
viermaligem Singen hellt sich meine Stimmung auf.  Auf der kleinen Insel des Bewusstseins lebend
beeinflusse ich so das weite unergründliche Meer meines Un- und Vorbewussten.
Das Numinosum, die allgegenwärtig bergenden oder gefährdenden Mächte, mag auch mit unseren
Urerfahrungen zu tun haben: Die Geborgenheit im Mutterleib und das ausgestoßen sein bei der Geburt. 
In der Religion bekommt diese Erfahrung einen Namen. In den Riten werden diese Mächte  beschworen,
gefestigt oder gefeiert.
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Wer religiös geprägt ist, hat es schwer nach einer intellektuellen Emanzipation von Göttern und
Religionsgemeinschaften, sich ein neues Weltbild mit hilfreichen Handlungsmustern aufzubauen. Gelingt
es ihm nicht, wird er leicht in „Existenznöte“ kommen oder dem Nihilismus verfallen.
Wer nicht kulturell bei Adam und Eva anfangen will, wird die alten Mythen dann symbolisch übernehmen,
religiöse Feste übernehmen  und einen abgespeckten Moralcodex vertreten.
In der Welt habt ihr Angst. Im Glauben haben wir Geborgenheit, Hoffnung und Liebe.
( H-E.S.11.02,2012,)
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