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Schämt Euch nicht!
Die sogenannte Geschichte vom Sündenfall Adams und Evas ist von der christlichen Tradition
in eine falsche Ecke manövriert worden. Das zeigt sich am deutlichsten in der Darstellung von
Adam und Eva in der Sixtinischen Kapelle durch Michelangelo: Adam liegt ganz entspannt mit
seinem ebenfalls entspannten Glied auf seinem Oberschenkel.  Dicht bei der Kopf Evas, die
sich von seinem Bäumchen offenbar nach längerem Spiel abwendet, sich umdreht zu dem
Baum über ihr, nach dessen Früchte sie gerade greift.
Der Sündenfall wird mit der sexuellen Erkundungserfahrung von Adam und Eva begründet.
Doch um den „Sündenfall geht es im Alten Testament  meiner Meinung nach nicht.  
Es ging um die Warnung, nicht von dem Baum der Erkenntnis zu essen, um zu erfahren, was
gut oder böse sei. -  Auf diese Frage gibt es bis heute keine objektive Antwort.
Aber die Schriftstelle beschreibt eine Eigenart des Menschen, die bei ihm unter allen
Lebewesen extrem ausgebildet ist: Die Neugier. Dazu gehört die Fähigkeit Fragen zu stellen,
um auf sie Antworten zu finden. Und siehe da, es gibt viele Fragen und nur wenige Antworten.
Im Gegenteil: Jede Antwort generiert neue Fragen. Das ist nicht nur unangenehm sondern
sogar peinlich bis beschämend.
 In unserer Geschichte ist der Herr gnädig: Er macht ihnen – symbolisch - aus Blättern eine
Kleidung, die das bedeckt, was den Menschen meist in seinen Gedanken, Träumen und
Wünschen gegenüber anderen beschämt.
Die „Blätter“ sind für mich die Antworten der Religion, die dem Menschen in seinem Suchen
Ruhe anbieten.
Dass  der Mensch Fragen stellt und nach damit auch auf Antworten wartet, macht also sein
Wesen aus. Er will sich und sein Leben erklärt haben. Aus den gewonnenen Erkenntnissen,
hofft er zu seinem subjektiven Vorteil, sein Leben verbessern zu können. Der Mensch meint es
gut mit sich! Und da der Mensch nicht  zur Ruhe kommt, bis er seine Fragen beantwortet
findet, wenn Experimente kein Ergebnis bringen, denkt er sich in seiner Phantasie seine
Antworten.  Mit diesen (religiösen) Antworten, an die er glaubt, befriedigt er sich.
Diese Fragen stellen und entsprechend den Antworten das alltägliche Leben zu gestalten,
macht für mich die Religiosität des Menschen aus. Religiosität ist das Privileg, das der Mensch
unter allen Lebewesen offenbar als einziger beherrscht. – Die Antworten kommen für den
religiösen Menschen von Gott oder Göttern oder göttlichen Wesen. – Es ist die Phantasie des
Menschen, die er oft als innere Stimme beschreibt, oder als Selbstoffenbarung Gottes.  Es ist
ein „Reflex“ unseres Gehirns.
Jedoch gab es schon immer Menschen, die besonders „religiös“ – neugierig - waren! Sie gaben
sich mit den Antworten nicht zu frieden.
Sie ahnten oder beobachteten gar Unstimmigkeiten.  Mit diesen Zweifeln an  den gefundenen
Antworten stellten sie sich immer neue Fragen, andere Fragen, weitere Fragen.  Heute ist es 
für gebildete und demokratische Menschen eine Selbstverständlichkeit, sich  mit unsachlichen
Antworten nicht zu Frieden zu geben. Wir zielen sogar direkt darauf, die Antworten zu
falsifizieren, d.h., wir lassen Antworten nur gelten, wenn im Moment  nichts gegen sie spricht.
Darum schämt Euch nicht, wenn ihr etwas nicht versteht, etwas bezweifelt, etwas nicht
glauben könnt.
Es ist die Würde des Menschen, nicht alles blind zu glauben. Es ist seine Natur, zu zweifeln. Es
ist seine Freiheit, sich nicht bevormunden zu lassen.
Und es ist sehr billig, ja unwürdig, alle Verantwortung - wie auch alle  Schuld - auf andere
abzuwälzen. 
Wahrhaft „religiös“ zu sein ist natürlich auch anstrengend. Es bereitet schlaflose Nächte, und
ist im Alltag oft ein „Schwimmen gegen den Strom“, bis die Mehrheit zur selben Ansicht bzw.
Erkenntnis kommt. Dann wird der Suchende Quälgeist zum „Heiligen“ oder „Helden“.
Wer dagegen egoistisch und mit Gewalt seine Ziele verfolgt, wird erst zum Verführer und dann
zum Verbrecher.
 – „Unruhig ist meine Seele, bis sie Ruhe findet in Dir Gott!“ soll Augustin gesagt haben. –
Dieser Punkt ist bei einem Kind früh gefunden.  Mancher findet ihn erst in seinem Tod.  –
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