83 Ein mündiger Christ. Ich vertraue der Natur. Sie ist berechenbar. Die Basis der Natur ist die explosive Energie, die auf dem Wege der Abkühlung fortlaufend immer neue Konstellationen und Zustände   annimmt. Aus Energie wurde Materie, aus Materie Leben, aus Leben Geist, der Materie und Leben bewusst gestaltet. Aber wie??? - Vielleicht folgt als Nächstes die KI, die Vernetzung alles Wissens der Zeit, unterschieden zwischen „sachlich“ bis Fake. Als Berater emotionsfrei global zugänglich unter der Aufsicht der UNO. Im Menschen hat die Natur den Geist entwickelt. Es ist die bewusste Neugier und die logische  Fantasie. Darf man das als „Religiosität“ umschreiben? Ausgangspunkt des menschlichen Geistes ist die Selbstspieglung in der jeweiligen Umwelt.  Es geht um Subjekt und Objekt, Autorität und Unterordnung. Die Autorität ist die Natur, der sich der Mensch herausgefordert sieht und mit der er zu kooperieren versucht. Bisher verstand sich der Mensch mit der Natur „auf Du und Du“. Er personalisierte Tiere, Pflanzen, Gegenstände und Fantasiegestalten wie Geister und Götter. Doch die nahmen weder Gebete, noch Opfergaben an und zeigten keine persönlichen Reaktionen. Dennoch war das über tausende Jahre der Job der Religionen. Für den modernen Menschen ist „Gott“ unberechenbar. Die Religiosität steckt tief im Menschen. Er fantasiert, träumt und mit Hilfe der Künste schafft er sich künstliche Welten. Heute ist das  unsere (u.a.a. touristische) Freizeitbeschäftigung. Wie absurd ist es doch, dass Menschen, die die „Schwarzwaldklinik“- Serie gesehen haben, den Drehort aufsuchen und dort den Herrn „Doktor“ selbst sprechen wollen. Auf dieses Konto geht auch die kirchliche Praxis, die im „geweihten“ Personal der  Kirche  die Stellvertretung Gottes sehen. Auch das sind oft nur „Schauspieler“. Eine Tabuisierung von Raum, Geist und Personal hält lokal die öffentliche Ordnung nur künstlich aufrecht. Die Naturwissenschaftler versachlichen unsere Welt und die unserer Vorfahren. Sie messen und rechnen. Statt zu beten, setzen Techniker Fantasien mit Hilfe von sachlichem Wissen in Konstruktionspläne und dann (von Hand, mit Werkzeugen und Maschinen) in brauchbare Produkte um. Unser ganzer Alltag ist heute eine von Menschen geschaffene  künstliche Welt. Die Natur ist unser Ausgangspunkt und nicht mehr ein Gott oder irgendwelche Engel oder Geister. Der Mensch ist der Handlanger der Natur. Das christliche Abendland ist heute noch gefangen von Irrtümern. Fundamental ist die Vorstellung von einem Paradies. Das hat es nachweislich nie gegeben. Werden und Vergehen, Leid, Lust und Tod gab es schon über Millionen von Jahren, ehe der Mensch sich von der Tier- und Pflanzenwelt absetzte. Leid, Lust und Tod mit der Sünde, der Verantwortlichkeit des Menschen in Beziehung zu setzen,  ist ein zu überwindender Minderwertigkeitskomplex, der von der Theologie des Paulus gepflegt wird (Die Rechtfertigungslehre).   Ob katholisch oder protestantisch oder wie auch immer religiös orientiert, wird uns Menschen ein Heilsweg zum Glück aus einer leidvollen Welt versprochen. Davon profitieren allein die Vertreter der jeweiligen Obrigkeit, so lange sie sich an der Spitze halten können. Die Masse steht ihnen dann zu Diensten. Wer sich nicht in irgend einer Form an dieser Vorleistung beteiligt, wird als unwertes Element ausgegrenzt, wie Insekten als Ungeziefer vergiftet. Kranke, Alte und  Kleinkinder werden den Händen schlecht bezahlter Arbeitskräften anvertraut. An  Prestige-Bauten (Begräbnisse)und Sportikonen wird dagegen nicht gespart.   Unser modernes Leben verdanken wir keinem Gott oder irgend einer transzendenten Macht, sondern unserem Rückgriff auf die Natur. Wir Menschen haben die Gesetze der Natur erkundet, uns ihrer und der Natur selbst bedient. Im Übermut oder gedankenlos haben wir die Natur  ungehindert vielfach missbraucht und ausgebeutet. Wir haben heute Staatswesen eingerichtet, die Gottesstaaten und auf  Religion oder Ideologien  begründete Regierungen überlegen sind. Nachdem wir Religionsfreiheit haben, blicken wir beschämt auf eine blutige Vergangenheit zurück.   Wie weit wir unseren Sozialstaat und unsere Demokratie dem Christentum verdanken, will ich die Historiker beantworten lassen. Paulus lebte mit der Vorstellung, dem auferstandenen Christus in einen der 7 Himmel begegnet zu sein. Das begründete seinen Glauben an die Auferstehung Christi. Er erwartete die Wiederkunft Christi zu Lebzeiten seiner Gemeindeglieder. Hätte ihm jemand widersprochen und behauptet, dass Christus auch im Jahre 2019 nicht gekommen sein werde, hätte er vor ihm als Abtrünnigen des Glaubens gewarnt. Dass heute zunehmend Frauen als Pastorinnen Gemeinden, ja als Bischöfinnen  vorstehen, wäre ihm undenkbar. Aber auch Jesus hat sich geirrt. Als er mit seinen Jüngern nach Jerusalem zog.  Er glaubte zusammen mit Judas, dass damit die Zeit gekommen sei, ab der Gott, der liebende Vater, von Jerusalem aus die ganze Welt heilend regieren werde. Jesus wurde stattdessen als Gotteslästerer von der jüdischen Geistlichkeit als Aufrührer der römischen Herrschaft ausgeliefert. Den Kreuzestod Jesu hat Paulus theologisch und religiös verklärt. (Im Alten Testament lehnt Gott gegenüber Abraham Menschenopfer ab!) Die Evangelien berichten von einem Jesus, der die Liebe Gottes predigte und lebte, die frei war von jeder Opfertheologie. Speziell Matthäus 25,31ff, die Gleichnisse und die Bergpredigt zielen auf die praktische Nächstenliebe, fern ab von religiösen Riten. ( Jesus hat niemanden getauft, gesalbt oder das Sterbesakrament gereicht!) Der Prolog des Johannes-Evangeliums: „Gott ist Mensch geworden“ lässt sich für mich psychologisch erklären. Es ist die Rücknahme menschlicher Projektionen. Das Gott der Schöpfer  einmalig in der Person Jesu von Nazareth auf Erden wandelte, ist mit dieser Aussage nicht gemeint. Ich behaupte, dass es immer schon kluge  Menschen gegeben hat, die für das aber-gläubige Volk ihre Erkenntnisse in religiöse Gewänder (Mythen) gekleidet hat. Wenn das nicänische Bekenntnis von Jesus als wahren Menschen und wahren Gott spricht, so ist das die Verpflichtung der Gläubigen, selbstverantwortlich in der Nachfolge Jesu sozial-bewusst zu leben. Die Aussage, der Mensch ist Gott/Teufel, tut den Frommen zwar weh, ist aber wahr. Wenn Jesus in den Evangelien sagt: Es steht geschrieben, ich aber sage Euch: …, distanziert er sich (kritisch) von der jüdischen Tradition. Paulus und die von ihm beeinflusste Theologie greift auf Mythen und Legenden  zurück. Paulus mag als Bekenner der Auferstehung Jesu ein Christ sein. Er ist aber damit kein Jünger Jesu! Das die Frau in der Gemeinde schweigen soll, wäre Jesus nie eingefallen. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“. Das ist zwar auch ein Rückgriff auf die jüdische Tradition, regt aber an, darüber nachzudenken, ob der zitierende Schreiber annahm, dass Jesus sehr wohl enttäuscht war, als er in den Händen seiner „Obrigkeit“ geraten war und wie er sich von Gott verlassen fühlen musste. Am Rande gefragt:  wie kann eine Person, die laut Glaubensbekenntnis sowohl Gott als Mensch ist, von Gott verlassen sein. Hat der Evangelist mit diesem Zitat einen Zweifel an Gott oder wenigstens am damaligen Gottesbild andeuten wollen? Welchen Gedanken transportiert der Satz: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben! Niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ ? - Dass jeder, der in die Nachfolge Jesu  tritt, zwar den Weg der Liebe begeht, aber damit zugleich sich in Gefahr bringt, von „der Welt“ verfolgt und eliminiert zu werden?  <> Es mag ja einen Gott geben, Gott den Schöpfer. Aber DER hat seiner Schöpfung eine feste Ordnung gegeben, die ER nicht auf Grund von Gebet, Opfer oder Geschrei durchbricht. Nur so erwiese ER sich auch  als treu und gerecht! Darum sollen – so wird es Jesus in den Mund gelegt - wir nicht plappern, wie die Heiden! Die Natur ( z.B. die Lilien ) hat ihre eigenen Gesetze. Die reichen aus, dass alles sein Leben und sein Sein hat. Jeder muss sich nur an die Spielregeln der Natur halten. Den Menschen vermittelt dieser Jesus diesen Lebenswandel  in seinem „eigenen Verhalten“! Wir sind alles Brüder und Schwestern. Wir sollen einander lieben, wie wir uns selbst lieben. Gott ist ein „Vater“, der uns verbindet und nicht ein launischer „Herr“, der ständig die Glaubenstreue überprüft. Jesus erklärt damit  jeden Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht oder Geburt  zu einem Tabu, dem es gilt, sein Recht auf eine persönliche Existenz  zu bewahren. Gerne sind wir gesellig und feiern miteinander. In die Einsamkeit, im Leid und im Sterben  folgt uns heute selten einer. Mythen sind fantasievolle Erklärungen von realen Ereignissen oder Begegnungen. Die Mythen  entfalten sich also an einem beobachteten Kern, aus dem sich wie aus einem Samenkorn ein großer Fantasie-Baum entwickelt, in dem Vögel wohnen und in dessen Schatten ein Lebewesen ruhen kann. Nach dem selben Prinzip hat sich aus dem Big Beng unser gegenwärtiger Kosmos entwickelt. Die Entmythologisierungarbeit der Bultmannschule hat leider vor „Gott“  und „Jesus Christus“ Halt gemacht. In meinen Augen ist „Gott“ eine menschliche Projektion! Die Psychologie mag hier der modernen Theologie helfen. Ich trete für eine säkularen Jesus ein, der antiautoritär eine humanistische Liebe vertrat. Der Kern, aus  dem sich der Senfkornbaum Christentum entwickelte, ist die Kreuzigung eines Jesus von Nazareth. Was hat dieser Jesus in den Jahren vor seinem öffentlichen auftreten gemacht? Ich vermute:  Jesus hat seine Familie – als Großvater – verlassen und die Öffentlichkeit provoziert. Nach den Evangelien, in den Gleichnissen und Dialogen machte er sich mit den Abgehängten, dem „Prekariat“ gemein. Er wandte sich nicht Gott und traditionellen Riten und Geboten zu, sondern den Kranken, den Armen, den entmündigten „Sündern“, Frauen und Kindern. Mit ihnen solidarisierte er sich. Die Gesunden und Reichen nahm er mit ins Boot. Die Reichen stellte er als die da, die ihre Gaben und Ihren Reichtum, ja auch ihre Zeit mit diesen Abgehängten teilen sollen. Jesus brach mit der Tradition. Die Geistlichkeit betete in auffälligen Gewändern und im prunkvollen Tempel zum „allmächtigen Gott“ und baten ihn um Hilfe für das „auserwählte“ Volk und alle, die in Not sind. Jesus aber forderte seine Zuhörer auf, selbst aktiv zu werden. Die Hilfe, die nicht von Gott kommt, selbst zu leisten. Ich vermisse aber bei Jesus die Kritik, dass Mächtigen und Reichen unter Posaunengetöse das gnädig an die Abgehängten verteilen, was sie der breiten Masse zuvor genommen oder abgepresst haben. So ist es auch heute noch. Ebenso: Wohl dem, der eine gute Nachbarin hat! Dank den Ehrenamtlichen, die Mitleid, Geduld, Zeit, Kraft, Ideen und  eigenes Geld mitbringen. Ein Gottesdienst bringt den Menschen in Not nichts!  Gottesdienste sollten Dankesfeiern sein, für die erbrachte Nächstenliebe der vergangenen Werktage. (H-E.S. 01.08.2019)     
Gemeindeleben,